Zufall oder Schicksal?

Das Leben steckt voller Gefahren. Dem einen fällt der Ziegelstein auf den Kopf, der andere fährt mit dem Auto gegen einen Baum. Anderen passiert das ganze Leben lang nichts. Theo Kelz zum Beispiel fuhr mit dem Motorrad 15.000 Kilometer bis Peking, und es passierte ihm nichts. Er kam nach Hause, ging in den Dienst und verlor beide Hände. Wieso kommen viele Menschen unbehelligt durchs Leben und wieso erwischt andere der Ziegelstein? Ist es Schicksal, wenn einem der Ziegelstein auf den Kopf fällt, oder bloß Zufall? Beim Ziegelstein ist die Antwort leicht: Er fällt einem zu. Für einige Menschen gibt es keinen Unterschied zwischen Zufall und Schicksal; für andere sehr wohl. Das können wir hier nicht klären. Es gibt jedenfalls Ereignisse im Leben, die wir nicht beeinflussen können.

Wenn jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist und eine bestimmte Handlung setzt, so ist das nichts Außergewöhnliches; es sei denn, er hätte nicht zu der Zeit an dem Ort sein sollen. Theo Kelz kehrte früher von seiner Chinareise zurück und trat seinen Dienst in der Polizeidirektion Klagenfurt eher an, als ursprünglich geplant. Seine Kollegen Hermann Knaller und Günther Petritsch hätten an jenem Abend auch nicht Dienst gehabt; sie sind für Kollegen aus der diensthabenden Gruppe eingesprungen.

Nun passierte das Unerwartete: Drei Polizisten wurden bei der Detonation des Zünders einer Sprengbombe am Klagenfurter Flughafen schwer verletzt. Nach Absicht des Bombenbauers hätte die Bombe erst am nächsten Tag am Fundort, bei der Renner-Volksschule, detonieren sollen. Dort hätte sie vermutlich mehr Schaden angerichtet und viele Menschen getötet. Ist durch das Eingreifen der Polizisten eine viel größere Katastrophe verhindert worden? Hätten andere Beamte anders gehandelt?

Kurz nach seiner Rückkehr aus China machte Theo mit seinem Bruder, Meinhardt Kelz, mit dem Motorrad einen Ausflug auf die Turrach, in den Kärntner Nockbergen. Bei einer Tasse Kaffee erzählte Theo von seiner weiten Reise. Meinhardt Kelz wäre gerne nach China mitgefahren, aber als Zimmermeister hatte er im Sommer zuviel zu tun. Die Brüder reisten früher viel gemeinsam, sie waren mit den Motorrädern in der Wüste Sahara und frischten auf der Turrach alte Reise-Erlebnisse auf. Gerne wären sie noch geblieben, doch Theo musste in den Nachtdienst.

Gegen 18.15 Uhr verabschiedete sich Theo Kelz von seiner Familie und fuhr nach Klagenfurt. Es war sein erster Nachtdienst nach langer Zeit. Wenn seine Tochter Andrea in Peking nicht krank geworden wäre, wären sie jetzt irgendwo in der Mongolei und nicht in Kärnten. Kelz erinnert sich, an diesem Abend eine »super Truppe« von Kollegen gehabt zu haben. Sie wollten von der Reise hören und Kelz erzählte von einem Überfall von Tschetschenen und wie tapfer sich Andrea verteidigt hatte. Die Nacht war ruhig. Es gab vorerst nicht viel zu tun.


Nachts, wenn alles schläft ...

Ein Mitsubishi Lancer parkte gegen 23.00 Uhr in der Lastenstraße in Klagenfurt, in der Nähe der deutsch-slowenischen Renner-Volksschule. Ein Mann stieg aus dem Auto, ging mit einer weißen Sporttasche in der Hand zur Renner-Schule und verstaute etwas in der Nähe des Einganges. Zwei junge Klagenfurter schauten ihm vom Balkon ihrer Wohnung aus zu. Kurze Zeit später fuhr der Mann ohne Licht weg. Das kam ihnen verdächtig vor. Sie riefen die Polizei an.

Die Polizisten fanden neben dem Eingang der Rennner-Schule ein Plastikrohr, das auf beiden Seiten zugemacht war. »Vielleicht ist Rauschgift drin?«, sagte der eine. Plötzlich fiel ihm das Rohr aus der Hand. Als er es aufhob, sah er einen Nagel im Rohr stecken. »Bist deppert, das ist eine Bombe«, sagte er dann. »Da muss der Theo her«, rief sein Kollege Sie funkten die Einsatzleitstelle an. Theo Kelz, der sprengstoffsachkundige Polizist, wurde verständigt. Er fuhr mit seinem Kollegen Hermann Knaller zur Renner-Schule.


Rauschgift oder Plutonium?

»Mir ist das Rohr runtergefallen«, sagte der Streifenpolizist zu Kelz. »Schau, da steckt ein Nagel«, und zeigte ihn Kelz. Dieser dachte, dass es vielleicht eine Bombe sein könnte; oder dass darin Rauschgift oder gar Plutonium versteckt wäre. »Das müssen wir genauer anschauen«, sagte Kelz. Er meldete der Einsatzleitstelle, dass sie zum Flughafen fahren, um das Rohr dort in der Röntgenanlage zu durchleuchten. Auf dem Weg zum Flughafen nahmen sie ihren Kollegen Günther Petritsch auf, der sich bei der Röntgenanlage am Flughafen gut auskannte.


Bombenüberraschung

Die Abfertigungshalle im Flughafen war geschlossen. Während Petritsch den Schlüssel holte, versuchte Kelz das Rohr zu zerlegen. Es gelang ihm, eine Seite zu öffnen und eine dunkle, mehrere Kilo schwere Masse aus dem Rohr zu entfernen. Er zündete kleine Mengen der dunklen Substanz an. Keine Reaktion. Er schlug mit dem Hammer drauf. Keine Reaktion. Inzwischen kam Petritsch mit dem Schlüssel und schloss die Tür zur Abfertigungshalle auf.

Kelz trug das Rohr an einer Schnur befestigt zur Röntgenanlage und legte es auf das Förderband. Petritsch setzte das Förderband in Bewegung. Langsam glitt das Rohr unter dem Röntgenschirm durch. Kelz konnte nichts Genaues feststellen, er wollte es noch einmal durchleuchten, aber in anderer Position. Petritsch setzte das Förderband erneut in Bewegung. Es war zirka 3.00 Uhr morgens. Plötzlich ein lauter Knall, Rauch, Dunkelheit. Kelz wurde durch die Druckwelle und gewaltige Explosionsflamme an die Mauer geschleudert und kam mit dem Gesicht am Boden zu liegen. Er erlebte diesen Augenblick so: »Um mich herum war plötzlich alles finster und ich konnte nichts mehr sehen. Noch während dieser gewaltigen Explosion und noch während des Fallens realisierte ich: Um Gottes Willen, was ist mit mir, ich habe keine Hände mehr und kann nichts mehr sehen.«

Günther Petritsch wurde durch Knochensplitter von Kelz‘ abgesprengten Händen schwer verletzt. Hermann Knaller, der leichter verletzt wurde, verständigte sofort die Rettung und die Kollegen. Obwohl die Situation für Knaller sehr schlimm gewesen sein muss – rundherum war alles blutverschmiert und mit Fleischfetzen bedeckt – hat er vorbildlich reagiert, sagt Kelz.


Das Leben geht weiter

Kelz war noch bei Bewusstsein, als er sagen hörte: »Das sieht schlimm aus, hoffentlich kommt er durch.« Seine Kollegen waren geschockt, schließlich hätte jeder von ihnen in diese Situation kommen können. Noch am Boden liegend dachte Kelz: »Ich bin am Leben, was auch passiert ist, es geht weiter.« Keine Sekunde habe er ans Aufgeben gedacht. Wie bei seinen abenteuerlichen Reisen in ferne Länder, fühlte er sich in diesem schrecklichen Augenblick von einer höheren Macht geschützt. Er spürte den Tod, aber das Leben war stärker. Es gab Stimmen, die wegen der Schwere seiner Verletzungen sagten, er wäre besser gestorben, denn ein Weiterleben ohne Hände hätte keinen Sinn.

Während die Ärzte des LKH Klagenfurt um das Leben von Theo Kelz kämpften, lief bereits eine Großfahndung nach dem Täter oder den Tätern in ganz Österreich. Es gab keine konkreten Anhaltspunkte. Die Ziele dieses Anschlages waren nicht ersichtlich. Die Polizei vermutete zunächst Auseinandersetzungen im Rotlichtmilieu oder innerhalb der Russenmafia.


Schlechte Nachricht

Roswitha und Andrea Kelz wurden in den frühen Morgenstunden des 24. August 1994 durch das Läuten der Türglocke aus dem Schlaf gerissen. »Guten Morgen Frau Kelz«, sagten zwei Gendarmeriebeamte, die vor der Tür standen. »Wir bringen eine schlechte Nachricht.« »Was ist passiert?«, fragte Roswitha Kelz. »Ihr Mann ist heute Nacht auf dem Klagenfurter Flughafen bei einer Explosion schwer verletzt worden. Er liegt im LKH Klagenfurt. Mehr wissen wir zur Zeit nicht.«

Roswitha und Andrea Kelz hatten kurz vor Mitternacht noch mit Theo telefoniert; sie konnten nicht begreifen, dass sich so etwas Schreckliches abgespielt hat. Ein Anruf in Theos Dienststelle schaffte traurige Gewissheit. Der diensthabende Polizeibeamte erklärte ihnen die näheren Umstände, die zu dem Unglück geführt hatten, und sagte ihnen auch, wie schwer Theo ver­letzt worden war.

Roswitha Kelz griff wie in Trance zum Telefonhörer und rief ihre Schwiegereltern an. Schwiegermutter Johanna Kelz hob den Hörer ab. Sie wurde immer bleicher. »Was ist?«, fragte Andreas Kelz, ihr Mann. » Theo ist schwer verletzt – eine Bombe ist explodiert – er liegt im Krankenhaus, und es sieht schlimm aus«, sagte sie weinend.

Während Andreas Kelz die anderen Familienmitglieder von dem schlimmen Vorfall verständigte, ging Johanna Kelz auf den Kogel (Kögele genannt), neben ihrem Haus. Sie weinte still vor sich hin und betete: »Bitte Herr, lass Theo diesen Unfall überleben, wir werden alles tun Herr, bitte.« Noch lange stand sie auf dem Kogel und schaute zum Himmel hinauf, als wollte sie ihm sagen: »Nicht schon wieder Herr, warum werden wir so vom Unglück verfolgt?«

Vor Jahren verunglückte Theos Bruder Gebhardt Kelz auf tragische Weise. Der Feuerwehrmann war mit seinem Auto zu einem Einsatz unterwegs und fuhr mit dem Löschwagen zusammen. Er verstarb noch an der Unfallstelle. Ebenso tragisch verunglückten Theos jüngste Schwester und sein gleichaltriger Neffe. Sie rannten ihrem Hund auf einem zugefrorenen Teich nach. Das Eis brach und die Kinder ertranken.


Aufgegeben wird ein Brief

Die Familie fuhr zu Roswitha und Andrea Kelz und leistete ihnen Beistand. Theo Kelz war nach dem Unglück völlig hilflos. Er lag in seinem Bett im Krankenhaus und musste gefüttert und gewaschen werden. Auch sonstige menschliche Bedürfnisse konnte er ohne fremde Hilfe nicht bewältigen. Die Ärzte verabreichten ihm Schmerz- und Beruhigungsmittel, damit die Situation einigermaßen erträglich war. Von den ersten Besuchern in der Intensivstation bekam er nichts mit. Seine Tochter Andrea besuchte ihn drei Tage nach dem Unglück in der Augenklinik im LKH Klagenfurt. Kelz konnte sie nur schemenhaft wahrnehmen. Sein Gesicht war durch die Verbrennungen entstellt. Sie klopfte ihrem Vater auf die Schulter und sagte: »Ich bin‘s, Andrea, und das eine sag ich dir gleich, aufgeben tut man nur einen Brief.«

Das waren die Worte, mit denen Theo Kelz seine Tochter immer wieder aufbaute, wenn sie Hilfe brauchte. Nun schlug sie ihn mit »seinen Waffen«. Theo Kelz schöpfte neuen Lebensmut in dieser bedrückenden Phase. Er entwickelte positive Energie, die durch äußeren Zuspruch, durch Trost und durch Ermunterungen seiner Familie, seiner Bekannten und der ihn behandelnden Ärzte verstärkt wurde.