Raffaele führte die Fremden zum „Albergo Al Polstiglione" — übrigens dem einzigen Gasthaus im Dorf — hinauf und half ihnen auch mit ihrem Gepäck. Der kleine Gasthof war ein altes, einfaches Gebäude mit rotem Ziegeldach, wie die meisten anderen auch, doch irgendwie bezauberte seine verfallene und schäbige Eleganz. Das Gebäude war mit wildem Wein bewachsen und hatte winzige Fen­ster mit grünen Läden. Trotz allem entsprach es aber nicht unbedingt den Vorstellungen und Wünschen der Fischhoffs. Vor allem nicht Max’.

Raffaele führte sie durch einen dunklen Vorraum in eine ebenso finstere, getäfelte Stube. Diese war zwar klein — nur wenige Tische hatten Platz —, aber dennoch strahlte sie eine heimelige, gemütliche Atmosphäre aus. An den Fischhoffs, mit Ausnahme von Babsi vielleicht, war diese Ge­mütlichkeit jedoch verloren. Diesem alten, desolaten Gebäude konnten sie we­nig abgewinnen, und schon gar nicht war es dazu angetan, ihre Ver­ärgerung zu mildern. Es trug im Gegen­teil nur noch zur Verstärkung ihres Ungemachs bei. Besonders Max war entsetzt. Das war das Letzte, das er sich gewünscht hatte. Er seufzte bestürzt, Rosa runzelte misstrauisch die Stirn, und Oma setzte den finstersten Gesichtsausdruck auf, zu dem sie fähig war.

Das Gastzimmer war leer, und Raffaele stieg ein paar Stufen hinauf und tappte einen weiteren dunklen Gang hinunter, wo er schließlich nach dem Wirt rief. Bald darauf kam er mit ihm zurück. Er stellte ihn den Fischhoffs als Signor Davide Volonte vor und er­klärte ihm ihr Missgeschick.

Volonte, der auch gleichzeitig der Bürgermeister der Gemeinde, der Podestà, war, war eine bemerkenswerte Erscheinung. Nicht sehr groß, aber dafür von gewaltigem Umfang — ein Körper mit einem Bauch wie ein Sperrballon, der das Hemd, dessen Ärmel er zurückge­krempelt hatte, bis zum Bersten füllte. Seine weite Hose spannte sich unter seinem mächtigen Bauch, und der Knopf, der sie zusam­menhielt, schien der ungeheuren Verantwortung kaum noch gewachsen.

Er watschelte laut keuchend die Stufen herunter und auf die Neuankömmlinge zu. Sein feistes Gesicht strahlte dabei in einer er­greifenden Freundlichkeit, sodass seine winzigen Äuglein fast gänzlich unter den dicken Wülsten lächelnden Fleisches verschwan­den.

Er lauschte aufmerksam und mit reicher Mimik. Hierauf streck­te er eine dicke, fleischige Hand aus, die einem ausgewachsenen Gorilla Ehre gemacht hätte.

Che bella sorpresa!”, rief er begeistert aus und schüttelte herzhaft Fischhoffs Rechte. — „Lieto di fare la Sua conoscenza! Cordialmente benvenuti! Come state? Tutti bene, eh?"

(Welch schöne Überraschung! – Es freut mich, Sie kennenzulernen. Herzlich willkommen! Wie geht es Ihnen?)

Als er sich anschickte, in einem Schwall freundlicher Worte fortzufahren, unterbrach ihn Raffaele und wies nochmals eindring­lich darauf hin, dass die Leute kein Italienisch verstünden.

Ah, sì, sì. Mi scusa, per favore! Mi dispiace tanto", stam­melte Volonte etwas verlegen und ließ seine Pranke über seinen kahlen Schädel gleiten. Sein Lächeln verlor etwas an Festigkeit, und er gestand: „Ich sprechen deutsch — ein wenig."

Wenigstens ein Lichtblick", bemerkte Fischhoff verdrießlich, während der Wirt auch den übrigen die Hand schüttelte, und letzt­lich zu Max gewandt erklärte: „Ich haben gearbeitet in Deutschland in großes Hotel in Hamburg. Sie verstehen? Sì?"

Ja, natürlich", erwiderte Fischhoff schroff. „Ich kann ja Deutsch.“

Sie wollen hier pernottare — eh, wie sagen? — eh, ibernachti­gen?"

Wollen ist gut", brummte Fischhoff. „Wir müssen."

Ah, sì, sì", fuhr Volonte redselig fort. „Es mich sehr freut und sein große Ehre." — Er zuckte bedauernd die Achseln — „Nicht viel Menschen kommen und hier ibernachtigen. Ist etwas einsam."

Ja, sozusagen am Arsch der Welt!"

Come?" Volonte sah dabei Raffaele hilfesuchend an. Die­ser übersetzte es ihm, worauf er zwar etwas zaghaft, aber dennoch zustimmend lächelte und zugab: „Sì, sì, è vero, siamo capitati …”

Haben Sie vielleicht ein Telefon hier?”, fragte Fischhoff.

Über Volontes Gesicht lief ein milder Schauer. „Telefono?”

Ja, Telefon.” — Fischhoff deutete es gestenreich an — „Ich möchte gerne im Hotel anrufen, dass wir nicht kommen können.”

Volontes breiter Mund verzog sich zu einer kleinen, über-raschten Grimasse.

No, no …“ Er schüttelte in entschlossener Bescheidenheit seinen Kopf, sodass seine Wangen traurig schlenkerten wie bei einem alten Basset, der seine Flöhe abschüttelt.

No, no, no … haben nix telefono. Mi dispiace molto. Ma signor Chinetti — Mann, reparieren kaputtes macchina — haben telefono in laboratorio.” — Er zuckte bedauernd die Achseln — „Aber sein wahrscheinlich nicht zu Hause …“

Er grinste verstohlen. „Chinetti sein nie zu Hause, wenn nicht arbeiten. Haben böse moglie — Frau. — — Ah, un momento, per favore! Ich holen mia moglie — meine Frau."

Und mit der Agilität einer Ziege erklomm er die Stufen und verschwand im dunklen Korridor. Bald kehrte er mit seiner Ange­trauten zurück, die zwar kleiner und bedeutend schmächtiger als er war, aber dafür umso resoluter. Ihr schwarzes Haar war hinten zu einem Kno­ten gebunden. Sie hatte rote Wangen und eine ausgeprägte römische Nase. Strahlend stellte sie Volonte vor: „Posso presentarLe la mia moglie — meine Frau."

Und zu ihr gewandt sagte er: „Federica, ti presente il signor Fischhoff e sua famiglia."

Die Frau rieb ihre Rechte an der Schürze und reichte sie reihum, wobei sie teilnahmslos und ohne eine Miene zu verzie­hen bei jedem murmelte: „Piacere —"

Danach wies Volonte sie an, die Zimmer für die Gäste herzu­richten. Die Frau nickte, ebenso ausdruckslos wie vorhin, und eilte davon, während Volonte behände ein paar Gläser aus dem Regal hol­te, in jedes hin­einblies und es hernach mit dem Hemdzipfel aus­wischte. Danach öffnete er eine Chiantiflasche und schenk­te ein. Freudestrahlend hob er das Glas und stieß mit den Fischhoffs an.

Allora alla vostra salute! Beviamo alle vacanze. — Lassen trinken auf Ferie!“

Er trank rasch sein Glas leer und erklärte dann, dass er seiner Frau helfen müsse, man möge ihn entschuldigen.

Rasch schnaufte er davon. Man hörte seine schweren Schritte auf der Stiege, dann oben eine Tür gehen und schließlich die lautstarke Unterhaltung mit seiner Gemahlin. Es schien, als würden sie furchtbar zanken, doch wahrscheinlich war es wohl nur ihre etwas eigentümliche Art, sich zu unterhalten.

Fischhoff trank sein Glas missmutig leer und schenkte sich nach. Sein finsteres, verdrießliches Gesicht machte Omas leidge­prüfter Mimik Konkurrenz, als er sich an den Tresen lehnte und in stiller Verzweiflung murmelte: „Welch weisen, heiligen Plan mag Gott wohl ge­habt haben, uns in dieses verlassene Kaff zu führen?"

Abwesend griff er nach einem Keks, das dort auf einem Teller lag, und biss lustlos hinein. Doch in demselben Augenblick sprang in einer Ecke ein Riese von einem Hund auf, den vorher niemand wahrgenommen hat­te. Er war mit einem Satz bei ihm, erhob sich vor ihm und legte sei­ne Pranken an seine Brust, dass ihm vor Schreck das Weinglas entfiel.

Zutraulich hechelte ihm das Ungeheuer ins Gesicht, und alle waren wie gelähmt und wagten nicht mehr, sich zu rühren, bis der Wirt zurückkam. Er sah entsetzt, was sein Hund da tat.

Fido!", rief er scharf. „Va subito la!"

Zögernd folgte der Hund und trabte schließlich in die ihm zugewiesene Ecke. Hierauf kam der Wirt auf Max zu, hob mit einer ausdrucksvol­len Miene des Bedauerns seine Achseln und wischte beflissen über seine Kleidung, indem er murmelte: „Verzei­hen, per favore! Hund sein sonst gut. — Haben Hund gerufen?"

Gerufen?", erwiderte Fischhoff noch immer schaudernd und steckte den Rest des Kekses in den Mund. „Gott behüte! Das ver­dammte Vieh war plötzlich da."

Da bemerkte Volonte, was er knabberte. Sein Gesicht hellte sich auf, während er auf die Packung deutete, die neben dem Teller stand, auf der in großen, freundlichen Buchstaben die Aufschrift „Biscotti per cane” – (Hundekuchen) - zu lesen war.

Das sein für Hund", erklärte er mit einem scheuen Lächeln. Und Fischhoff wurde bleich.

Allora andiamo — gehen wir Zimmer anschauen", sagte der Wirt hierauf und eilte ihnen voraus nach oben.

Ja, dann werde ich wohl auch gehen müssen", sagte Raffaele schließ­lich, der bisher kein Auge von Babsi gewandt hatte, die seinen Blick in gegen­seitiger Sympathie erwiderte. „Auf Wieder­sehen!"

Fischhoff murmelte hastig seinen Dank und folgte mit Frau und Groß­mutter dem Wirt. Babsi stand noch unschlüssig und etwas verlegen da. Ihre Wangen glühten. Ihr Blick lag schmachtend auf Raffaele, verzaubert, fast erschrocken. Da stand er, hochaufgewachsen, sonnengebräunt, mit großen, wachen, dunklen Augen und einem kleinen, schelmischen Lächeln auf seinen leicht geöffneten Lippen. Sein zerzaustes, lockiges Haar war tiefschwarz und gab seinem jungenhaften Aussehen einen besonderen, lieblichen Reiz. Er trug enganliegende Jeans, und sein Hemd war vorne weit offen.

Raffaele zuckte schließlich die Achseln und forschte unbe­holfen: „Könnten Sie … Ich meine —, wo Sie jetzt doch eine Weile dableiben müssen … Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir uns wiedersehen?"

Babsi schüttelte glücklich den Kopf.

Raffaeles Gesicht strahlte. „Wann?"

Babsi warf rasch einen verstohlenen Blick nach den Erwachse­nen und flüsterte: „Am Nachmittag, ja?"