Petra Erdmann

Stulle mit Schmalz

Die „guten“ alten Zeiten






Oktober 1928, der Wecker riss mich aus dem Schlaf. Wie jeden

Morgen schlich ich mich aus dem Schlafzimmer, um Hugo und die

Kinder nicht zu wecken. Mit einer Petroleumlampe in der Hand

schlurfte ich die alte Holztreppe hinunter, weil das Klo ein Stock

tiefer lag. Wie immer blieb ich auf dem Podest stehen und wischte

mit meiner Hand die beschlagene Fensterscheibe blank, um einen

Blick nach draußen tun zu können. Es war noch stockdunkel und es

nieselte, nur aus der Ferne sah ich die Häuser in der Kolonie, in der

ich mit etwas Mühe einige Lichter erkennen konnte. Man hätte den

Eindruck haben können, dass die ganze Siedlung noch schlief, wenn

nicht hier und dort aus den Schornsteinen schon Rauch aufgestiegen

wäre. Zu gern stand ich hier morgens am Fenster, wenn alles noch

so friedlich und ruhig war. Aber ich hatte keine Zeit für Träumereien,

denn ich musste schnell wieder nach oben, um den Kohleofen

anzumachen. Es gab mal Zeiten, da konnten wir ihn über Nacht

brennen lassen, aber das Geld war knapp geworden. Oben in der

Stube machte ich rasch den Ofen an und stellte den Wasserkessel

auf die Ofenplatte. Denn bevor ich Hugo und die Kinder weckte,

brühte ich immer Muckefuck und Tee auf. Kurz vor dem Zahltag

war das Geld mal wieder knapp, deshalb hatten wir nur noch einige

Schnitten Brot für Hugo, die er mit auf die Schicht nahm. Es war

4.15 Uhr und ich kochte Haferschleimsuppe für die Kinder und für

mich. Sie sollten sich vor der Schule satt essen, damit der Hunger

während der Schulzeit nicht zu groß wurde. Pünktlich um 4.30 Uhr

kam Hugo in die Wohnstube geschlichen und setzte sich mit grimmiger

Miene an den Küchentisch. Er war etwa 183 cm groß, hatte

breite Schultern, und der Ansatz eines Bauches war auch nicht zu

übersehen. In den letzten Jahren wurden seine Haare immer lichter,

und an den Schläfen hatten seine dunkelbraunen Haare eine leichte

Graufärbung angenommen. Hugos Gesichtszüge hatten sich in den

letzten Jahren verhärtet, er sah älter aus, als er eigentlich war. Er

war 36, aber die harte Arbeit unter Tage hatte ihn zu einem alten

Mann gemacht. Er setzte sich an den alten, abgenutzten Holztisch,

und der alte Stuhl knarrte unter seinem Gewicht.

Verschlafen nuschelte er undeutlich: „Wat is denn hier los, heute

nur ein Süppken?“ Ich atmete einmal tief durch und erwiderte: „Dat

frachste noch, du weiß doch wohl am besten warum. Du hass doch

am Freitach nache Maloche dat letzte Geld mit deinen Kumpel inne

Kneipe versoffen.“ Ohne noch etwas zu erläutern, löffelte er seine

schon abgekühlte Suppe vom Teller. Als er mit dem Essen fertig

war, sagte er kaum hörbar: „Dat war dat letzte Ma Mia, dat ich die

Pinunsen zum Fritz gebracht hab. Dat versprech ich dir.“ Ich glaubte

ihm kein einziges Wort, denn das hatte ich schon tausendmal

gehört. Er war wie so oft zuvor ganz kleinlaut. ‚Bis zum nächsten

Mal’, dachte ich. In dem Moment bot sich wieder eine Gelegenheit,

ihn zu fragen: „Hugo, kannse nich noch ma aufm Pütt fragen, wegen

son Häusken mit Garten?“ Wie lange träumte ich schon von

einem kleinen Haus mit einem eigenen Garten. In meiner Phantasie

stellte ich mir vor, wie schön es doch wäre. Schließlich hatten wir

nur eine Zweizimmerwohnung. Sie bestand aus einer Wohnstube

und einem gemeinsamen Schlafzimmer. Mit zwei Erwachsenen und

drei Kindern war sie wirklich viel zu klein. Hugo gab mir wie immer

keine Antwort auf meine Frage, deshalb redete ich weiter: „Dat

wäre doch schön für uns und die Kinda, da hätten wir doch mehr

Platz und nen Garten mit Gemüse, Obst und ein paar Tieren“, rief

ich mit Begeisterung. Hugo nuschelte undeutlich „Ich kann ja ma

den Steiger fragen“ und verließ darauf die Küche. Wie so oft war

das Thema für ihn beendet.

Einige Tage später kam Hugo gutgelaunt von der Arbeit und sagte

erfreut: „Mia, ich hab eine gute und eine schlechte Nachricht, welche

willse zuerst hörn?“ „Mann Hugo, mach et doch nich so spannend,

nun schieß schon los“, rief ich neugierig. „Also“, sagte er

zögernd, „na gut, wir können ein Häusken mit nem Garten ham,

gleich ume Ecke inne Kolonie, aber die Miete kostet mehr als unsere“,

setzte er gleich hinterher. Das war seit langem die schönste

Nachricht für mich, mein Herz drohte sich zu überschlagen und die

Luft blieb mir fast weg. Wie sollten wir das bezahlen, schoss es

durch meinen Kopf, drei Kinder, Hugo und ich mussten essen und

trinken, selbst dafür reichte das Geld manchmal nicht.