Kapitel 1
Es ist ein regnerischer Mittwochmittag, Anja sitzt gelangweilt auf ihrer Couch. Das Radio dudelt im Hintergrund. Genervt von der schlechten Musik schaltet sie es aus. Sie schaut in den Spiegel, betrachtet ihr dunkelbraunes. fast schwarzes Haar, ihre schlanke Figur und ihre blaugrünen Augen. Weil sie die Stille in ihrem Zimmer nicht aushält, geht sie ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher ein.
Erst zappt sie ein bisschen, dann bleibt sie bei einem Musiksender hängen, nach einer Weile verliert sie aber auch daran die Lust. Sie greift zum Telefon. telefoniert noch ein Bisschen mit ihrer besten Freundin und geht dann ins Bett. Am nächsten Morgen, als sie in die Schule geht, sieht sie ihre Freundin nicht und erfährt, dass sie krank ist. Das macht die Schule noch viel langweiliger. Was sie aber noch nicht weiß, ist, dass heute ein richtiger Pechtag für sie sein wird. Sie bekommt eine Mathearbeit mit einer 5 zurück, streitet sich mit ihrer Nebensitzerin und verpasst den Bus. Zuhause schmeckt ihr das Mittagessen noch ekliger, immer mit dem Hintergedanken im Kopf, ihrer Mutter die schlechte Arbeit beichten zu müssen. Den ganzen Nachmittag lang liegt sie nur auf ihrem Bett. Sie hat keine Lust darauf, die Freundin zu besuchen, Hausaufgaben zu machen oder der Mutter die versaute Arbeit zu zeigen. Sie setzt sich auf ihr Sofa, und grübelt. Nach einer Weile steht sie auf und holt sich eine Tafel Schokolade. Nachdem sie die ganz aufgegessen hat, geht es ihr immer noch nicht besser. So sitzt sie den ganzen Nachmittag da, mit der Schokoladenverpackung in der Hand und einem Riesigen durcheinander in ihren Gedanken. Sie wacht erst aus einem unangenehmen Tagtraum auf, nachdem sie ihre Mutter zum Abendessen ruft. "Warum muss ich in meinem Alter zusammen mit meiner Mutter Abendessen?" , fragt sie sich und geht mit einem komischen Gefühl in der Magengegend in die Küche.
"Puh, das habe ich überstanden", denkt sie sich nach dem Abendessen. "Aber wenn ich vor dem Problem weglaufe, wird es nur noch schlimmer, sagt mein Vater immer. Aber ob das stimmt, weiß ich nicht.", versucht sie ihr Gewissen zu beruhigen.
Nach einer schlaflosen Nacht steht sie müde auf. Es ist noch dunkel im Zimmer und sie ist so müde, dass sie sich einfach noch mal ins Bett legt. Als sie aufwacht, ist schon die Hälfte der dritten Schulstunde vorbei. Panisch springt sie aus dem Bett und hofft, das sie sich in der Uhrzeit geirrt hat. Als sie nach ihrer Mutter ruft, stellt sie mit Schrecken fest, dass diese schon zur Arbeit gefahren ist. Sie möchte sich am liebsten schnell anziehen und losrennen, aber sie ist vor Schreck wie festgeklebt. Nach einer Weile schafft sie es und wenige Minuten später ist sie auf dem Weg zur Schule. Es ist ein eisiger Frühlingsmorgen und ihre dunkelbraunen langen Haare wehen ihr ins Gesicht. Sie rennt so schnell wie sie kann, aber nach dem halben Weg geht ihr die Kraft aus und sie muss mit hämmerndem Herzen weiterlaufen. Als sie die Schule vor sich sieht, freut sie sich einerseits, den endlos scheinenden Weg bald hinter sich zu haben, anderseits befällt sie die Angst davor, wie es wohl sein wird, wenn sie mitten in der vierten Stunde in den Unterricht reinplatzen wird. Um so größer das Schulhaus vor ihr wird, um so größer werden auch ihre Sorgen. Sie will schneller gehen, um es hinter sich zu bringen aber ihre Beine wollen nicht schneller gehen und werden stattdessen immer langsamer. Im Schulhaus angekommen, geht sie, möglichst unauffällig und leise, zum Klassenzimmer. Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen steht sie davor. Langsam drückt sie die Klinke herunter. Als sie ganz heruntergedrückt ist, möchte sie am liebsten weglaufen. Zu spät, die Tür öffnet sich und die ganze klasse blickt von den Matheaufgaben auf und starren sie an. "Was ist denn mit dir los?