Er hockte auf einem Baum. Sein Gewissen sagte ihm, du wirst etwas tun, das schwer auf dir lasten wird. Doch sein Entschluss stand fest: Er wollte dieses Land verlassen, nachdem er tätige Reue geübt hatte. Gehe den Weg des Kriegers und tue, was du tun musst, oder lasse es sein und bleibe ein Schwächling. Er hatte nicht vor, den Mann umzubringen. In seiner Meditation erschien ihm immer wieder das Bild, wie er Knaben im Genitalbereich befummelte und sich dabei Befriedigung verschaffte. Wer Unzucht treibt mit den Kindern Gottes, der soll zur Hölle fahren.

Er schaute auf die Uhr, spürte den Drang, sich entleeren zu müssen. Verdammt, er hatte keine andere Wahl, sonst würde er sich nicht konzentrieren können. Er sprang vom Baum und hockte sich hinter einen Haselnussstrauch. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er einen Menschen töten wollte. In Gedanken hatte er schon getötet: Seinen Vater, der ihn in das katholische Internat gesteckt hatte. Sein Vater starb kurze Zeit später an Herzinfarkt, im Bett seiner Geliebten. Seine Mutter hatte die Affären ihres Mannes eisern erduldet, der ein geachteter Bürger dieser morbiden Stadt im Süden war.

Er spürte sein Herz schlagen, fühlte neuerlich den Drang, sich entleeren zu müssen. Zu spät. Aus der Ferne sah er die Umrisse eines Joggers. Er schaute auf die Uhr. Das musste der Mann sein, kein Zweifel. Er erinnerte sich an seinen säuerlichen Körpergeruch, seinen nach Zwiebel riechenden Atem, seine kalten Finger, die ihm den Rücken massierten. Er nannte es anschaulichen Unterricht in Körperpflege. Eines Tages hatte er eine Nagelschere in seiner Hand versteckt. Er stand unter der Dusche, als er sich ihm näherte. Es ging schnell: Das Blut spritzte auf den Duschvorhang, die Mitschüler klatschten, er flog von der Schule. Der Direktor hatte dem Erzieher geglaubt, nicht dem Zögling. Er war kein Einzelfall gewesen, Dutzende Schüler nach ihm spürten die kalten Finger des Mannes, dessen Gesicht seitdem eine Narbe zierte. Er durfte weiter ungestraft seine sexuellen Neigungen an Halbwüchsigen ausleben, weil weder die Kirche noch das Gericht ihn zur Rechenschaft gezogen hatte.

Er prüfte die Drahtschlinge, die er um einen Holzstab gewickelt hatte. Mit einem Satz war er wieder auf dem Baum. Der Jogger war fast unter ihm. Mit zitternder Hand hielt er die Holzstange mit der Drahtschlinge vor den Kopf des Joggers. Plötzlich spürte er einen Ruck. Der Jogger hatte die tödliche Schlinge mit beiden Händen fassen können. Er drehte seinen Kopf nach oben und schaute ihn an. Der Mann am Baum sah das Gesicht des Joggers, sah Wut und Verzweiflung in seinen Augen. Er hatte das Gefühl, bei etwas Verbotenem ertappt worden zu sein. In einem Moment der Unaufmerksamkeit wurde er von dem ums Überleben ringenden Mann vom Baum gerissen. Während des Fallens sah er aus den Augenwinkeln andere Jogger näher kommen.


*


Sie haben sich am 1. Juli 2005 in der Kriminalabteilung einzufinden und sich bei Oberst Posweratschnig zum Dienst zu melden“, stand in dem E-Mail, das der Bezirksgendarmeriekommandant Chefinspektor Valentin Pirker nonchalant hinpfefferte. Der Kommandant hockte in dem Ohrensessel, wie eine Auster in der Schale. Hemdkragen offen, Krawatte schief, baffte er eine dieser dicken Zigarren, die in Schicki-Micki-Kreisen als Statussymbol galten. Valentin Pirker setzte seine auf Anraten des Hausarztes gekaufte Lesebrille auf. Die Vorsorgeuntersuchung vor vierzehn Tagen hatte ihm die Liesl eingebrockt, seine Vermieterin und Quasi-Geliebte. Der Arzt sei ja so nett, sagte sie, obwohl sie der Homoöpathie und ihren selbst gemachten Kräutertinkturen mehr vertraute. Wie konnte jemand nett sein, der einem Mann wie Pirker Schnitzel und Bier verbot. Pirker dachte nicht daran, von heute auf morgen auf Schweinereien zu verzichten, obwohl der Arzt ihm sagte, sein Cholesterinspiegel und die Gammawerte seien zu hoch. Vor 20 Jahren hatte noch keiner was von Cholesterin gesagt, ärgerte sich Pirker. Die Forscher schauen unters Mikroskop und finden neue Wehwechen, damit die Pharmaindustrie neue Präparate auf den Markt bringen kann, hörte er Liesl sagen.

Aus Pirkers feisten Backen wich die Röte. Er legte das E-Mail beiseite, starrte auf das von Rauch verschleierte Bild des Bundespräsidenten Fischer, eilte zum Fenster, steckte den Kopf hinaus und schnappte nach Luft. Der Kommandant ließ seine gelben Zähne blitzen, stand auf, rückte den Sessel zur Seite, ging zu Pirker, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Freuen Sie sich denn nicht?“

Pirker blieb die Freude im Hals stecken. Niemand hatte mit ihm gesprochen. Ein Zweizeiler, das war’s. Der massige Gendarm beherrschte sich, wie ein artiges, wohl gebrochenes Kind. Pirker steckte den Zettel in seine Brusttasche, drehte sich um, ging zur Tür und verließ wortlos das Zimmer. Er war jetzt 30 Jahre bei der Gendarmerie, 20 Jahre auf diesem Posten und 10 Jahre vor dem Pensionsantritt sollte er in das Landeskriminalamt abgeschoben werden, wie ein Opa ins Altersheim. Pirker hatte nie besonderen Ehrgeiz gezeigt. Es war ja nicht viel zu tun auf dem Provinz-Posten. Außer, vergangenes Jahr, da war er der Held, weil er die Machenschaften eines angesehenen Hoteliers aufgedeckt hatte. Pirker vermutete, sein Chef könnte die Versetzung hinter seinem Rücken betrieben haben. Der Kommandant war oftmaliger Jagdgast des kriminellen Hoteliers gewesen, er hatte die Ermittlungen im Biohotel abgewürgt. Pirker hätte damals seinen Chef in Schwierigkeiten bringen können, wenn er den Kollegen von der Mordgruppe im Landeskriminalamt dessen Verbindung zu dem Hotelier gesteckt hätte. Pirker war das Wohlergehen seiner Vermieterin Liesl Bachinger wichtiger gewesen. Sie war damals schwer verletzt worden, als sie mit Pirkers Kollegin Irmi Bader zu der Hütte des Hoteliers schlich und einen Streifschuss abbekam. Pirker machte sich heute noch Vorwürfe, weil er in der Sache so eigensinnig vorgegangen war. Voll Wehmut ging er in sein Büro, steuerte auf den Kühlschrank zu, holte eine Flasche Hirter Bier heraus und schaute auf das Foto, das ihn mit seinen Kollegen zeigte, bei der Ausmusterung aus der Gendarmerieschule. Das Klopfen riss ihn aus den Gedanken. Seine Kollegin Irmi Bader kam herein. Sie wusste um die Schwächen ihres Kollegen, aber so früh am Morgen hatte sie ihn noch nie an der Flasche gesehen. Sie erinnerte sich an den Blick eines Mannes, der aus seiner Wohnung im vierten Stock springen wollte, weil ihn seine Frau verlassen hatte. Pirker schaute aus der Verzweiflung auf, schob ihr den Zettel hin. „Der Arsch will mich loswerden.“

Der Dicke benutzte sie anfangs als Blitzableiter für seine schlechten Launen. Bader bückte sich, nahm den Zettel und las. Sie schaute ihn entgeistert an. Er deutete mit der Hand, da könne man nichts machen.

Wir sind Bauern auf dem Schachbrett des Landespolizeikommandos, die man beliebig verschieben kann“, sagte er und trank aus der Flasche.

Aber Chef, das geht doch nicht so einfach. Was sagt die Gewerkschaft dazu?“

Ich bin nicht verheiratet, und außerdem ist der Posten im LKA besser bewertet als der jetzige.“

Und sie glauben, der Bezirkskommandant steckt dahinter?“, fragte Bader misstrauisch.

Er will wohl vertrauenswürdigere Leute um sich haben. Die Geschichte voriges Jahr, weißt eh, ich hab den Mund gehalten.“

Irmi Bader lief rot an. „Das gibt’s ja nicht“, zischte sie.

Vergiss es“, sagte er angerührt. „Ich bin mit dem Arsch eh nicht ausgekommen. Vielleicht ist es besser so.“

Pirker stand auf, stellte die Flasche auf den Tisch, ging zu Irmi und sah ihr in die Augen.

Du wirst mir fehlen.“ Er trat näher und gab ihr ein Bussi auf die rechte Wange.

Sie wischte mit dem Ärmel der rechten Hand Tränen von der Wange. Als junge Beamtin konnte sie den mieselsüchtigen Pirker nicht ausstehen. Bei den Ermittlungen gegen den kriminellen Hotelier im vergangenen Jahr, waren sie menschlich einander näher gekommen. Sie hatte den Dicken als väterlichen Freund ins Herz geschlossen. Bader schneuzte sich, drehte sich um und ging gesenkten Hauptes aus dem Zimmer. Pirker ging zu seinem Schreibtisch, nahm das Foto seiner Tochter in die Hand und streichelte es. Seit Jahren hatte er nichts gehört von ihr. Früher hatte sie wenigstens zu Weihnachten, zu Ostern und zum Geburtstag angerufen. Sie hatte die rehbraunen Augen ihrer Mutter. Freunde der Familie behaupteten, Pirkers Tochter hätte die Schönheit von der Mutter und die Gutheit vom Vater geerbt. Pirker war, als ob sämtliche Kapitel seines bisherigen Lebens nach und nach geschlossen würden. Mit der Versetzung ins Landeskriminalamt fing ein neuer Lebensabschnitt an. Pirker nahm das Bild mit den Klassenkameraden von der Wand, holte seine restlichen Sachen aus dem Spind und packte sie in eine Plastiktasche.

Das neue Leben als Polizist fängt ja gut an, dachte er. Mit 1. Juli 2005 wurden Österreichs Gendarmen und Polizisten zu einer Truppe vereint. Die Stimmung unter den Beamten war, als wollte man die evangelische Kirche mit der katholischen zwangsverheiraten. Die Gendarmerie war der historisch ältere Wachkörper als die Polizei. Die Gendarmen fühlten sich den Polizisten überlegen. Kritiker behaupteten, in der fusionierten Einheit stehe zwar Bundespolizei drauf, es sei aber Gendarmerie drin: Das Dienstzeitsystem der Gendarmerie, der Aufbau der Gendarmerie. Der Leiter des Teams, das die beiden Wachkörper zu einer Einheit zusammenführte, war ein Gendarm.

Valentin Pirker wohnte seit mehreren Jahren in Untermiete bei der Bachinger Liesl, einer pensionierten Volksschuldirektorin, die sich für Kräuter, Sterne, Aura und dergleichen interessierte. Liesl aß Tofu statt Fleisch, Salat, Gemüse und anderes Unkraut, wie Pirker sagte. Er war kein Beilagen-Esser, sein Magen verlangte Geselchtes, Schweinsbraten, Schnitzel und andere Schweinereien. Seine Vermieterin bemühte sich, ihm Karfiol und Tomaten schmackhaft zu machen, mit mehr oder weniger Erfolg. Sie hatte aufgehört, aus ihrem Volte einen Vegetarierer machen zu wollen. Hie und da verzichtete er auf ein zweites Schnitzel und aß stattdessen mehr Salat. Ohne ihre Fürsorge wäre er vermutlich schon an Überdosis Schwein und Co. zugrundegegangen. Pirker sei ein Sensibelchen, ein weicher Wassermann-Mann, behauptete Liesl. Ihr ungutes Gefühl wurde bestätigt, als er ihren fragenden Blick mit: „Versetzt haben’s mich“, erwiderte. Er schob den Stuhl zurück und setzte sich zu Tisch. Sie ging in den Keller und holte einen Krug Süßmost. Zum Essen gab es Brote mit Kräuterquark und Kresse.

Pirker starrte auf das gesunde Essen. „Ist eh schon Wurscht“, sagte er und biss in das Brot, als ob es giftig wäre. „Trinken darf ich nichts, essen nichts, und als Strafe muss ich zu diesen Dingsda …“.

Liesl goss den Süßmost in ein Glas und servierte es ihrem Nörgler.

Ruhig, du weißt, es ist schlecht für den Magen, wenn man sich beim Essen aufregt.“

Zu den Krampenmarktern schicken’s mich. Jetzt, in meinen alten Tagen. Der Arsch steckt dahinter, ich weiß es …“

Liesl ließ ihn ausärgern. Sie wusste, er und sein Chef waren wie Hund und Katze. Er schaute sie an, bemerkte aber nicht, dass sie ihr Haar hat schneiden und blond färben lassen. Nur das Dekolleté verriet, dass die Jugendlichkeit Grenzen hatte.

Es gibt keinen Schaden ohne Nutzen“, sagte sie, tätschelte seine Wangen und schickte ihn ins Bett mit einer Tasse Kamillentee. Wie ein braver Junge stapfte er die Stufen hoch. Ihren Kamillentee mit Honig schüttete er in den Ausguss. Im Kasten lagerte eine Kiste Notfallmedizin.