Ahmed Achim Cinar

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Varanasi Januar 2007


Auf dem Shamsham. Dem Verbrennungsplatz am Ufer der Ganga.

Leichen. Aus allen Teilen Indiens schleppen sich die Sterbenden nach Varanasi. Der gemeine Hindu glaubt, wer hier stirbt erlangt sofort Befreiung aus dem Daseinskreislauf. Leichen. In bunte Tücher gewickelt wurden sie durch die Strassen getragen. "Raam naam satya hai," schallte es. Der Name Gottes ist ewig. Leichen warteten in Schlangen vor dem Ghat. Ich setzte mich auf das Geländer einer Treppe. Scheiterhaufen. Für jede Leiche einer, bis alles heruntergebrannt war. Es war heiß. Rauchig. Um den Verbrennungsplatz einige verrußte alte Tempel. Leichenasche regnete auf mich herab. Den Geruch verbrannten Fleisches hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Vielleicht wie den Schmorbraten meiner Großmutter. Unwirkliche Szenen. Zwischen den Scheiterhaufen irrten Wasserbüffel umher, Kühe, Ziegen und Hunde, die in der Glut nach Resten suchten. Überall riesige Holzstapel. Unablässig wurde Nachschub gehackt. Der Takt der Axt schlug zum sanften Ton der Flammen. Ein kleiner Junge und ein kleines Mädchen benutzten meine Beine und Schultern als Halt um am Treppengeländer hochzuklettern. Lachend sausten sie es hinunter, eine ganze Weile lang. Vor mir wurde ein neuer Scheiterhaufen hergerichtet. Eine neue Leiche herbeigetragen. Die orangefarbenen Totengewänder wurden abgenommen. Ein Asket eilte hinzu und nahm sie an sich. Asketen tragen auch orange, als Symbol dafür, dass sie das weltliche Leben aufgegeben haben. Nun war der Leichnam nur noch in weißes Tuch gewickelt und wurde auf das Holz gelegt. Ich spürte Shivas Anwesenheit. Seine Energie war allgegenwärtig. Das Holz wurde entzündet, schnell arbeiteten sich die Flammen zum Körper empor. Rahmten ihn ein. Tanzten um das weiße Tuch herum und machten sich dann über den Toten her. Das Körperfett erzeugte dichten Rauch. Immer höher schlug das Feuer. Erstaunlich schnell verkohlte das Fleisch. Vor dem Feuer standen die Familie des Verstorbenen und der Bestatter. Immer mehr regnete es Asche. Ich atmete sie ein, schmeckte sie auf meiner Zunge. Die verkohlten Gebeine ragten aus dem Feuer. Mit einem langen, dicken Bambusstab schlug der Bestatter auf sie ein, die Knochen brachen und fielen in die Glut. Schneller als ich dachte gab es den Körper nicht mehr. Mir brannten die Augen, meine Lungen schmerzten. Ich verließ den Shamshaam, kletterte die Stufen des Ghats hinauf, wo die Altstadt mich gefangen nahm. Einigermassen ziellos verlor ich mich in den engen Gassen und schmalen Stiegen. Verlief mich in Häuser, die kleinen Städten glichen, fand mich eingehüllt in deren dunklen Gängen. Überall kleine Schreine und Tempel. Menschen und Stallungen. Ein Teestand. Ich klopfte mich ab, rieb die Asche des Toten in meine Kleider. Der Tee schmeckte süß.