Nach dem Urlaub


Von weit her drang ein Geräusch an mein Ohr. Es war ein unangenehmes Geräusch, das ich nicht hören wollte. Es riss mich aus einer Ruhe, die ich noch nicht herzugeben bereit war. Es wollte mich in etwas hineinzwingen, in das ich absolut nicht hinein wollte. Es erschien mir grausam zu sein, als ob ich in eiskaltes Wasser springen sollte, und ich fror allein schon bei der Vorstellung daran.

Dann begriff ich, dass der Wecker klingelte, unbarmherzig und penetrant. Ich tastete im Dunkeln nach dem nervtötenden Ding und drückte den Knopf herunter, brachte damit den peinigenden Ton zum Schweigen. Dann knipste ich das Licht der Nachttischlampe an, blieb mit geschlossenen Augen noch eine kurze Weile liegen und dachte nach.

Wann hatte es angefangen, dass ich morgens so schwer aus dem Schlaf kam, nicht aufstehen mochte, um den Tag zu beginnen? Eigentlich schon früh in meinem Leben, als Heranwachsende, mit zwölf oder dreizehn Jahren, als die Unbekümmertheit meiner Kindertage mich langsam verlassen und einer dumpfen Hoffnungslosigkeit gewichen war. Seit vierzig Jahren kämpfe ich also schon jeden Morgen mit dem Erwachen und dem Hineingehen in den Tag. Warum?

Ich blinzelte, ließ meine Augen sich langsam an das Licht gewöhnen, hob schwerfällig die Beine aus dem Bett und blieb lange auf der Bettkante sitzen. Meine Wohnung war kalt, ich hatte aus Sparsamkeitsgründen die Heizung noch nicht eingeschaltet. Es war erst Mitte September und die Heizperiode würde noch lange genug dauern. Ich sah auf die Uhr und gab mir einen Ruck. Viel zu lange hatte ich herumgesessen. Jetzt musste ich wieder alles in Eile machen, um rechtzeitig zum Dienst zu kommen. Auf dem Weg in die Küche sah ich auf das Thermometer. Es zeigte achtzehn Grad, zu niedrig, wenn man müde ist und ungern den Tag beginnt. Mich fröstelte wieder.

Ich goss mir einen Kaffee vom Vortag aus der Thermoskanne in eine Tasse, er schmeckte abgestanden, aber um frischen zu kochen, reichte die Zeit nicht mehr. Zum Trost dafür zündete ich mir eine Zigarette an und inhalierte ein paar Züge. Ich rauche seit meinem dreizehnten Lebensjahr und schon damals hatte mir das Rauchen etwas Tröstliches vermittelt, obwohl mir nicht bewusst war, wofür es mich trösten sollte. Jetzt war es zur Gewohnheit geworden, von der ich nicht mehr lassen mochte.

Ich legte die angerauchte Zigarette an den Rand des Aschenbechers und ging ins Badezimmer, wusch mich rasch und bändigte meine vom Schlaf verwühlten Locken, so gut es ging. Jeden Morgen kämpfe ich mit meinem wüsten Lockenkopf, versuche ihm eine Form zu geben, aber er hat seinen eigenen Willen, so ganz Herr werde ich seiner nie.

Er war schon während meiner Kindheit schwer zu bändigen gewesen, so wie das Kind überhaupt schwer zu bändigen war. Ich höre meine Mutter noch stöhnen: „Wer fürchtet sich vorm wilden Kind?“ Ich glaube, meine Mutter fürchtete sich sehr vor mir, dem wilden Kind.

Was tut man, wenn man sich vor jemandem fürchtet? Man bekämpft ihn oder läuft vor ihm davon. Meine Mutter bekämpfte mich oder lief vor mir davon, je nachdem, wie ich mich gebärdete. Und ich? Ich bekämpfe mich oder laufe vor mir davon, mein ganzes Leben lang, je nachdem, wie die Situation gerade ist.

Das ging mir durch den Kopf, während ich mich im Schlafzimmer anzog, fahrig ein frisches T-Shirt aus dem Stapel im Schrank zog und in die Jeans schlüpfte, die noch vom Vortag über einem Stuhl hing. Dann ging ich zurück in die Küche. Die Zigarette, die ich vorhin in den Aschenbecher gelegt hatte, war vollends verglimmt und hatte einen unangenehmen Geruch hinterlassen. Ich öffnete das Fenster und sog die hereinströmende frühmorgendliche, kühle, frische Luft tief in meine Lungen. Das gab mir für einen Moment das vitale Gefühl des unmittelbar vergangenen Urlaubs zurück und vor meinem inneren Auge erschien die Düne, das Highlight unbeschwert verbrachter Tage. Majestätisch schön, unbeirrbar und erhaben tat sie sich vor mir auf, und Sehnsucht erfasste mich. Sehnsucht wonach? Nach majestätischer Schönheit, nach Erhabenheit, nach Unbeirrbarkeit?

Eigentlich sehe ich ganz gut aus, aber mir fehlt die majestätische Würde. Ich fühle mich selten erhaben, denn ich zweifle fast immer, am meisten an mir selbst, und ich bin nicht unbeirrbar, nein, ich irre mich oft. Ich fühle mich entweder getrieben oder gezogen und weiß nie, was mich treibt oder wohin mich etwas zieht. Wusste ich einmal, vor langer Zeit, woher ich kam, wohin ich wollte und was ich wollte?

Ich schüttelte meine tiefsinnigen Gedanken von mir ab und schloss das Fenster, zog meine Schuhe an und machte mich eilends auf den Weg zur Arbeit. Während ich die Treppe hinunterging – meine Wohnung liegt im dritten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses –, schmerzten meine Knie. Sie schmerzten seit einiger Zeit und ich schob es dem Älterwerden zu. Das ist Verschleiß, hatte ich mir bisher gesagt, der Mensch ist nicht für die Ewigkeit gemacht, zumindest nicht sein Körper.

An diesem Morgen dachte ich anders darüber. Was will mich in die Knie zwingen, fragte ich mich, was stimmt nicht in meinem Leben? Ich bedauerte, wieder so getrödelt zu haben. Ich hätte zu Fuß gehen können, dann wären mir beim Gehen vielleicht ein paar gute Ideen zu dieser Frage gekommen. Nun musste ich das Auto nehmen, um pünktlich zu sein.

Den Tag über nahm mich meine Arbeit in Anspruch und ich vergaß darüber die Gedanken des Morgens. Erst als ich am Nachmittag völlig erschöpft nach Hause kam, holten sie mich wieder ein.

Endlich allein, hatte ich erleichtert geseufzt und mich dabei an die gerade hinter mir geschlossene Wohnungstür gelehnt. Dann war ich mit letzter Kraft zu meinem Sofa gewankt und hatte mich mit meiner federleichten und trotzdem wärmenden Kaschmirdecke, dem einzig wirklich kostbaren Gegenstand, den ich besitze, zugedeckt und die Gedanken des Morgens wieder aufgenommen. Wenn ich jetzt die Düne herbeiriefe, stellte ich mir vor, würde ich den lauen Wind spüren, der damals vom Meer herübergeweht war. Und wenn ich mich in meiner Phantasie in die Mulde legen würde, die die Form der Düne unmittelbar unterhalb des Kammes bildet, könnte ich glauben, ich läge in einer Kinderwiege. Ich flüsterte bittend ‚komm meine Schöne’, und sie kam, erhob sich in ihrer vollendeten Erhabenheit vor mir und ließ mich gewähren. Sie erfüllte mir meinen Wunsch nach Geborgenheit und ich schlief zufrieden innerhalb kürzester Zeit ein.

Als ich wieder aufwachte, war es bereits dunkel und das verwirrte mich. Ich musste also lange geschlafen haben und mein Körper lag wie eine Spirale geformt auf dem Sofa. Ich hatte Mühe, mich aus dieser Haltung zu befreien. Schwerfällig setzte ich mich auf und schaltete die Lampe auf dem Beistelltisch an, sah auf meine Armbanduhr und erschrak. Es war bereits kurz nach zwanzig Uhr. Ich hatte fünf Stunden tief und fest geschlafen! Normalerweise wachte ich, wenn ich mich nach der Arbeit hinlegte, nach einer halben Stunde wieder auf. Warum hatte ich an diesem Nachmittag so lange geschlafen? Und was hatte ich geträumt? Die verdrehte Haltung, in der ich aufgewacht war, ließ auf intensive Träume schließen, aber ich konnte mich an nichts erinnern. Ich fühlte mich nur dumpf, schwer und kein bisschen erholt.

Ich schüttelte mich fröstelnd und beschloss, die Heizung einzuschalten, entschied mich für Wohlbefinden durch gespendete Wärme und opferte dafür die Sparsamkeit. Danach bereitete ich mir in der Küche einen starken scharfen Gewürztee zu, von dem ich hoffte, dass er mich innerlich erwärmen würde, bis auch die Heizung dafür sorgte, dass die Wohnung behaglich wurde.

Mit der herb duftenden dampfenden Tasse ging ich zurück ins Wohnzimmer und ließ mich in meinen bequemen Sessel fallen, dessen Lederbezug über die Jahre speckig glänzend geworden war, weil ich viel Zeit in ihm verbrachte.

Was hatte die Düne in mir bewirkt, warum fand ich nicht wieder in den Alltag hinein? Was für Sehnsüchte hatte sie in mir ausgelöst, dass mein Leben mir auf einmal so leer, fad und unbefriedigend erschien? Was machte mich so schwerfällig und ließ mir alles so mühsam und gleichzeitig sinnlos erscheinen?