II. Die Straße als Weg des Lebens


David Laderman schreibt in seinem Buch „Driving Visions“: „ We take the road but it also takes us“ und beschreibt die Straße nicht nur als äußere Fortbewegung, sondern als inneren Weg in uns. 4 Ladermans Aussage kann auch für La Strada gelten. Die Straße steht hier vielmehr als Symbolik für Sinnsuche und innere Reise im Zentrum des Films und weist eines der Hauptmerkmale des Roadmovies auf. 5


Zampano und Gelsomina bewegen sich in dem Dreiradwagen auf der italienischen Landstraße fort, sie essen, schlafen, und proben auf der Straße oder im Fahrzeug, der einem Planwagen, einer Kutsche aus dem Wilden Westen ähnelt. Zampanos sich ständig wiederholende, unveränderte Aufführung eine Kette mit Muskelkraft zu sprengen, steht bildhaft für seinen beschränkten Charakter, für seine Unfähigkeit und emotionalen Verkümmerung und finden doch auf der Straße, im Leben, einem Ort der Bewegung und Veränderung statt.


Betrachtet man den Film, ziehen die Szenen der eigentlichen Fortbewegung sehr flüchtig vorbei, selten erkennt man langsam daher ziehende Landschaftsaufnahmen wie z.B. in David Lynchs „The Straight Story“. Die Straße wird auch nicht wie in dem Film „My Private Idaho“ verbalisiert, als Mike in der Anfangs- und Endsequenz äußert: „I am stuck here in the landscape.“ Die Kamera verweilt in Fellinis Werk eher auf den Gesichtern der beiden Hauptfiguren und verdeutlicht wortlos, die innere Reise der beiden isolierten Gestalten, die unterschiedlicher nicht sein können. Häufe Ortswechsel und die Darstellung der Zeit im Wechsel der Jahreszeiten sind prägnant. La Strada fehlt jedoch das rasante Tempo und spektakuläre Action-Szenen, die in dem amerikanischen Roadmovie-Genre üblich sind.


Fellinis Werk ist durch und durch ein sehr europäischer Film. Annette Deeken schreibt in ihrem Buch „Reisefilme“ im Kapitel „Road Movie“ hierzu:“ In diesen einfachen dramaturgischen Schema treffen sich Menschen, die unter normalen Umständen nicht ihr Leben teilen, (…) im europäischen Autorenkino wurden solche Episoden oft feinfühliger, langsamer, Sinn suchender und mit poethischeren Bildern inszeniert als im klassischen Road Movie.“ 6


Gelsomina und Zampano gehen einen gemeinsamen Weg und machen im Lauf der Reise, ohne dass sie sich wirklich innerlich begegnen jeder für sich eine Entwicklung durch. Einsamkeit- ein Element des Lebens.


Wirkt Gelsomina in den Anfangssequenzen für den Zuschauer offen naiv, hilflos ja fast weltentrückt und geschlechtslos, kommt sie in dem Moment aus sich heraus, als Zampano sie mit auf die Straße und ins Leben nimmt. Sie lernt sich und ihre Fähigkeiten und Werte kennen und wird als Zampanos Assistentin vom Publikum und allen anderen Menschen, denen sie auf der Straße begegnet, wohlwollend angenommen. Ein kurzes Feuer entfacht sich in ihrem Wesen als der leichtfüßige und lebendige Matto ihre Persönlichkeit erweckt: „Wach auf!“, und ihr Trompete spielen beibringt. Mit den Worten:„…ich weiß nicht wozu dieses Steinchen nützt, aber zu irgendetwas nützt es…denn wenn das hier unnütz ist, ist alles unnütz (..) auch Du, auch du bist zu irgend etwas nütze.“, zeigt er ihr auf, dass sie nicht wertlos ist. 7 Ihr Gesichtsausdruck wird von Sequenz zu Sequenz milder, selbstbewusster, ja fast fraulich.