Es gab Momente, da konnte es Yemaja fast nicht mehr ertragen, da war ihr all das zuwider, die Enge, die grauen Schleier, das Eingesperrtsein in einem gruftähnlichen Tal, und die Schreie der Gepeinigten, derer, die Futter waren, für den nie enden wollenden Krieg. Der Gedanke an die Reinheit der Kinder war es, der sie dann immer wieder aufs Neue aufrichtete, ihr die Kraft gab, das alles durchzuhalten, nicht aufzugeben und diesem entsetzlichen Leben ein Ende zu bereiten. Vielen fehlte diese Kraft; ihnen war kein friedlicher Tod gegönnt, sie reihten sich ein in die Scharen der Wächter, oder, weitaus schlimmer, in den Nahrungskreislauf der Verdammten. Eine schauerliche Existenz zum Schutze der Lebenden.

Kalsterstat stand nunmehr schon in der dritten Generation unter undurchlässiger Belagerung durch die grausamsten aller Feinde. Die feste Stadt ragte wie ein Monument, ein Mahnmal des Widerstandes aus dem Morast der eroberten Lande, ein Bollwerk gegen ein noch schrecklicheres Schicksal, wie der hohe Rat nicht zu betonen vergaß. Das Schattenvolk hatte die früheren Reiche der Menschen überschwemmt und jeglichen Willen gebrochen, die Eroberten auf bestialischste Weise verformt, umgewandelt, versklavt, zu bizarren Monstren gemacht. Unbeschreibliches war geschehen, Frevel an der Schöpfung. Einzig Kalsterstat hatte bis heute den Eroberern widerstanden und nur aus einem Grund – der Macht der zwei magischen Gilden, der „Gärtner der Toten“ und der „Gärtner der Lebenden“. Die Totengärtner bildeten die Oberschicht der befestigten Stadt, sie garantierten die Sicherheit für alle, die sich dem Schrecken der Schatten widersetzten. Eine Gilde von Nekromanten war es, Meister über das Unleben, die fauligen Geschöpfe des belebten Todes. Ihr Heer von Untoten bewachte die Mauern, Tore und Türme der Stadt, machte Ausfälle und schlug Angriffe zurück. Ihre Untoten waren es auch, welche die schweren, hochgefährlichen Arbeiten verrichteten, das Schmelzen von Stahl, das Graben von Stollen, das Heben schwerster Lasten, Aufgaben, bei denen man nicht Gesundheit und Leben der wenigen verbliebenen freien Menschen riskieren wollte. Ohne die Gilde, davon waren alle überzeugt, war Kalsterstat verloren.

Auch die zweite Gilde, der Yemaja angehörte, die der Lebensgärtner, war für das Überleben der Freien lebensnotwendig und nicht wegzudenken; die Lebensgärtner wandelten das Mark der Erde in lebensspendende Nahrung um, züchteten Nutztiere und eßbare Pflanzen, ja vermochten sogar in geringerem Maße Pflanzen aus der Essenz der Luft zu erschaffen. So sorgten sie dafür, daß die Lebenden nicht verhungern und verdursten mußten. Sie waren im einfachen Volk sehr beliebt, doch nur die Zweiten in der Stadt, denn sie waren nicht in der Lage, die Menschen wirksam gegen die Schatten zu beschützen. Sie akzeptierten den niedrigeren Status, da ihnen der Schutz der letzten Menschen ein hohes Anliegen war. Doch nur der äußere Zwang ließ sie die Grauen akzeptieren, welche die Nekromanten erschufen und pflegten. Deren Tun stand im scharfen Gegensatz zu der Natur der Lebensschaffer. Und die Jahrzehnte und die beinahe absolute Macht über Leben und Tod hatten die Todesgärtner korrumpiert, dekadent gemacht, selbstverliebt und hungrig nach mehr. Ihre Forschungen standen bei den Lebensgärtnern im Ruf, selbst wider die Natur zu sein; die Worte „Frevel an der Schöpfung“ getraute man sich jedoch nicht laut auszusprechen.

Yemaja war noch jung, zählte keine dreißig Jahreszyklen, und besaß doch schon großes Können. Sie zählte zu den ältesten Gärtnerfamilien und diesen lag die Macht der lebendigen Essenz im Blut, wie es hieß. Yemaja stiftete gerne neues Leben und brachte Farbe in den grauen, düsteren Alltag ihrer begrenzten Welt, dieser wenigen Quadratkilometer freier menschlicher Zivilisation.

Klageschreie drangen zu ihr und sie schritt besorgt zum hohen schmalen Fenster, von dem aus man einen Überblick über einen Großteil der Stadt hatte, denn die Lebensgärtner bewohnten schlanke, spitzzulaufende Türme, während die Totengärtner die Nähe der Toten suchten und die Katakomben bevölkerten. Die Lebensgärtnerin war schwindelfrei und mit scharfen Augen gesegnet, so vermochte sie sich weit über die Brüstung zu beugen und die Vorkommnisse auf der tief unter ihr liegenden schmalen Gasse zu erkennen. Jedesmal, wenn sie aus dem Fenster blickte, schockte sie wieder, was sich ihren Blicken eröffnete – ein starker Kontrast zu ihren Gemächern, in denen bunte Blumen sprossen und üppige frischgrüne Pflanzen frei und ungestutzt wucherten. Die Welt außerhalb war Grau in Grau, selbst die Efeuranken an den steinernen Wänden der Gebäude wirkten wie abgestorben. Grau und wolkenverschleiert war auch der Himmel und drohend schwarz ragten die schroffen Bergzacken in die Höhe, die Kalsterstat auf drei Seiten umgaben.

Yemaja sah unter sich eine Frau mittleren Alters, eine einfache Näherin, wie sie wußte, die in der Gasse in einem Hinterzimmer ihrem schlichten Gewerbe nachging. Diese klammerte sich mit ihren Händen an die dunkelgraue Robe eines Totengärtners, den Yemaja nicht erkannte, weil er ihr den Rücken zukehrte und zudem seine Kapuze übergestreift hatte, und bettelte sichtlich um etwas. Die genauen Worte hörte die Beobachtende nicht heraus, dafür war die Szenerie zu weit weg und der säuselnde Wind, der den Turm umstrich, zu intensiv. Was mochte da vor sich gehen? Sie hatte Lust hinunterzugehen und es zu erfragen, wollte auf der anderen Seite freilich nicht zu neugierig erscheinen. Das Verhältnis zwischen den Gilden war derzeit sehr angespannt und sie wollte es durch Einmischung ihrerseits nicht weiter verschlechtern. Sie galt sowieso bereits als aufmüpfig und als Störenfried der einzig wahren Ordnung. Sie erhielt jedoch von anderer Seite Antwort.

Jemand betätigte den schmiedeeisernen Türklopfer an dem Haupttor zu ihren Gemächern, und sie wandte sich von der bedrückenden Szene ab und lief flotten Schrittes hinüber, sorgsam darauf achtend, daß sie nicht an Pflanzen hängenblieb, um diese nicht zu beschädigen. Ihre Kinder, wie sie sie nannte, behandelte sie manchmal aufmerksamer als sich selbst. Yemaja hatte stets irgendwo Risse im Gewand oder kleinere Kratzer auf der schneeweißen Haut. Es kümmerte sie nicht.

Im aufschwingenden Tor stand in erwartungsvoller Haltung Gaberc, ein entfernter Verwandter von ihr und natürlich ebenfalls Lebensgärtner, ein paar Jahre jünger als sie und im Gegensatz zu ihr ruhig und in sich gekehrt. Er bewunderte Yemaja insgeheim, wagte dies allerdings unter keinen Umständen öffentlich einzugestehen. Auch jetzt warf er wieder einen schüchternen Blick auf sie, aus dem man bei genauem Hinsehen schon ein gewisses tieferes Interesse herauszulesen in der Lage war. Yemaja freilich sah nicht genauer hin. Sie winkte ihm nur einzutreten und lief ihm dann voraus, zu einem schmucken Eckerkerchen, auf dessen rundherum laufender Sitzbank sie Gäste zu empfangen pflegte. Sie setzte sich aufrecht und wies ihm einen Platz ihr gegenüber, wo er sich linkisch und verkrampft zu setzen erlaubte. „Nun, was gibt es, Gaberc?“ fragte sie ihn mit ihrer reinen, melodischen Stimme, daß es dem jungen Mann einen Schauer den Rücken hinunter trieb. Er schluckte und flüsterte dann mehr als daß er’s sagte: „Es ist mir unangenehm.“ Er stockte, von ihrem strengen, abwartenden Blick aus ihren schönen klaren grünen Augen irritiert. „Nun rede schon.“ forderte sie ihn freundlich, doch bestimmt auf. Gaberc faßte sich. „Der Senat läßt Dir mitteilen, daß in diesem Monat Du an der Reihe bist, Deinen Anteil der Essenz zu geben. Sie…“ Yemaja unterbrach ihn durch ein ruckartiges Abwinken. Sie wußte bescheid. Und Ekel machte sich in ihr breit!

Von Anbeginn der Belagerung an, seit der ersten Generation der Eingeschlossenen, war es Pflicht der Gilde der Lebensgärtner, jeden Monat ein Mitglied an die Gilde der Totengärtner abzustellen, das in bestimmten Ritualen zur Erhaltung der Kontrolle über die Armee der Untoten einen Teil seiner magischen Essenz zu opfern hatte. Jedes Mitglied ab dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr kam an die Reihe, selbst das Oberhaupt der Gilde, die weise und uralte Modula, die diese abscheuliche Prozedur mit eiserner Würde über sich ergehen ließ. Warum diese Pflicht bestand, konnte Yemaja nicht sagen, es war so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, das die Alten nicht in Frage stellten. […]