E r saß grübelnd in seinem Hotelzimmer, den Kopf in den Händen vergraben. Als durch das geöffnete Fenster Musik an sein Ohr drang, seufzte er leise, denn er wusste, seine Freunde feierten unten in der Hotelbar, während er selbst hier oben Trübsal blies.

Freunde?“ Der junge Mann lachte auf, doch es war ein bitteres Lachen. „Sind das meine Freunde?“

Nein, die Antwort kannte er nur zu gut und er gab sich keinen Illusionen hin. All diese so genannten Freunde hielten nur deshalb zu ihm, weil sie sich Vorteile davon versprachen. Immerhin stand er ganz an der Spitze, er war der Champ und seine Stimme hatte beim Boss Gewicht. Jeder von denen aber würde ihn fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, sobald er einmal Schwächen zeigen würde. Sie würden sich wie die Geier auf ihn stürzen und mit dem größten Vergnügen in Grund und Boden stampfen.

Ach, was soll ´s“, murmelte er trotzig vor sich hin, „ich hab doch alles erreicht, wovon ich einst nur träumen konnte. Immerhin zähle ich zu den Topstars, die sich um Geld keine Sorgen mehr machen müssen. Ich nenne ein bezauberndes Penthouse mein eigen, fahre ein schnelles Auto und die Mädchen liegen mir zu Füßen. – Was kann man denn mehr erreichen?“

Kaum ausgesprochen, umspielte erneut dieses bittere Lächeln seine Lippen. „Stimmt schon“, seufzte er leise. „Aber was für einen Preis musste ich dafür zahlen? – Den höchsten, den es nur geben kann. Ich bin ganz allein, bin zum einsamsten Jungen der Welt geworden.“

Auf den Zügen des jungen Mannes zeichnete sich jetzt eine tiefe Traurigkeit ab. „Es gibt niemanden, dem ich bedingungslos vertrauen könnte“, stöhnte er gequält auf, „niemanden, dem ich meine Ängste und Sorgen anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, dass dieser sein Wissen sofort gegen mich verwendet. Nein, einen solchen Menschen gibt es nicht für mich - nicht mehr“, fügte er leise hinzu und zuckte im gleichen Augenblick zusammen. Erinnerungen, die er zwei Jahre lang erfolgreich verdrängt hatte, wurden plötzlich übermächtig. Wie schon so oft, kämpfte er auch jetzt mit aller Macht dagegen an, doch anders als sonst, wollte ihm das diesmal nicht gelingen. Mehr noch, je heftiger er sich gegen solche Gedanken wehrte, umso gnadenloser peinigten sie ihn. Schließlich begriff er, dass er diesen Kampf heute verloren hatte und gab auf. „Das hast du ja prima hingekriegt“, schalt er sich selbst, „der große Gladiator, besiegt von den Schatten der Vergangenheit, na toll." Resigniert lehnte er sich zurück und schloss die Augen.

Sofort tauchten vor ihm längst vergessen geglaubte Bilder auf, die schmerzlicher nicht sein konnten, doch zu seinem größten Erstaunen nahm er zum ersten Mal auch ein eigenartiges neues Gefühl wahr. Irgendetwas in seinem Inneren drängte ihn, sich endlich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und sich ihr zu stellen. Und die, das wusste er genau, war wenig schmeichelhaft für ihn.

Es nützt auch nichts, nach einem Schuldigen zu suchen“, gestand er sich widerstrebend ein. „selbst wenn ich es wollte, ich kann es niemandem in die Schuhe schieben. Warum auch?“, begehrte er sofort wieder auf. „Ich habe es doch genau so gewollt. Ja verdammt, ich weiß, dass ich für das, was passiert ist, allein verantwortlich bin, aber das hat mich doch noch nie belastet. Warum jetzt auf einmal? War ich nicht immer stolz darauf, endlich einen Schlussstrich unter mein altes Leben gezogen zu haben?“, fragte er sich kopfschüttelnd. „Klar, ich war felsenfest davon überzeugt, damals das Richtige getan zu haben - und ich bin es immer noch, basta.“ Für einen Augenblick gelang es ihm tatsächlich, genau das zu glauben. Aber eben nur für einen Augenblick, dann peinigten ihn die Gedanken umso massiver. Was war nur los mit ihm? Warum zum Teufel fühlte er sich plötzlich wie ein Outlaw? Er fand zwar keine Erklärung, dafür aber dämmerte es ihm langsam, dass das alles irgendwie zusammen gehören musste: Die Erinnerungen, die übermächtig in sein Bewusstsein drängten, seine einsame Grübelei und die bitteren Gedanken, die sich nicht mehr ignorieren ließen.

Ungewohnt melancholisch dachte Joe an die längst vergangene Zeit zurück, in der er nicht dieser einsame Wolf, sondern ein lustiger Bursche voller verrückter Ideen gewesen war und in der er es auch für ihn einen Freund gegeben hatte, der für ihn durchs Feuer gegangen wäre. Einen Freund, wie man ihn nur einmal im Leben findet.

Tja, wir dachten wirklich, nichts und niemand könnte diese Freundschaft je zerstören. - Was für ein Trugschluss“, stöhnte er leise und wunderte sich im gleichen Augenblick darüber. „Verdammt, Joe Anthony, was zum Geier ist heute nur los mit dir? Was soll denn auf einmal dieser sentimentale Blödsinn?“

Mit aller Macht versuchte er erneut, diesen unfruchtbaren Gedanken zu entfliehen. - Vergeblich!

Wie lange war das alles her? So lange, dass es ihm beinahe schon unwirklich erschien, fast wie aus einem anderen Leben. Sie waren wie Brüder, hielten wie Pech und Schwefel zusammen und hatten gemeinsam so viel erreicht. Doch ihm, Joe, war das nicht genug gewesen. Beeinflusst von falschen Freunden und getrieben von krankhaftem Ehrgeiz hatte er diese wunderbare Freundschaft zerstört. Ja, er allein trug die Schuld daran, dass er diesen Freund für immer verloren hatte. Er hatte ihn nicht nur verraten, er hatte ihn eines Tages sogar hinterrücks angegriffen und dabei schwer verletzt.

Nein, es gab für ihn kein Zurück.

Im Laufe der Zeit aber hatte er nicht nur gelernt mit dieser Schuld zu leben, sondern es war ihm sogar gelungen, sie zwei Jahre lang zu ignorieren und als wäre das noch nicht genug, hatte er sich auch noch bei jeder passenden Gelegenheit damit gebrüstet, diesen Loser endlich zum Teufel geschickt zu haben. Ja, er war wirklich froh gewesen, das alles hinter sich gelassen zu haben.

Schuldgefühle? - Ein verächtliches Lächeln zeichnete sich auf seinen Zügen ab. – Keine Spur!

Belüg dich nicht selbst“, mahnte ihn, wie schon Tausende Male zuvor, diese innere Stimme. Joe seufzte schwer- Er wusste genau, dass alles, was diese Stimme sagte, der Wahrheit entsprach. Was hatte er nicht alles angestellt, sie zum Schweigen zu bringen, es war ihm nicht gelungen. Immer und immer wieder hielt sie ihm den Spiegel vor und flüsterte ihm gnadenlos zu, was er vergessen wollte. Diese Stimme ließ sich weder ignorieren noch betrügen, das wenigstens hatte er inzwischen begriffen.

Okay“, gestand er sich endlich ein, „es gab sie, diese verdammten Schuldgefühle - aber das ist vorbei. Das ist ein für allemal vorbei.


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