Leseprobe 2


Pass bitte auf, die Leiter wackelt ein wenig“, warnte sie die Freundin.

Hab ich noch gar nicht bemerkt, aber keine Angst, fast jede Leiter wackelt“, kam die sorglose Antwort.

Anne montierte die Wohnzimmervorhänge. Auch heute wehte ein kräftiger Wind. – Iris hat zu meinen Gunsten ein Testament gemacht, schoss es ihr durch den Kopf. – „Kommst du gut voran?“, rief sie und hörte, wie Iris das Fenster aufmachte und die Leiter vor die Fensteröffnung schob. – Mit diesem Vermögen könnte ich die Schule und den Kindergarten für das Waisenhaus in Kolumbien, die sich die Schwestern so sehr wünschen, errichten lassen und es bliebe noch immer ein schöner Betrag übrig. – „Warte, ich halte die Leiter.“ – So viel Gutes könnte man tun.

Nicht nötig, hänge deine Vorhänge fertig auf!“

Anne befestigte die Seitenteile. Sie dachte daran, wie am Vortag der große Fensterflügel in der Zugluft zuknallte. – Kein Mensch könnte mir etwas nachweisen. – Sie schob die Vorhänge zur Seite, um das sauber geputzte Glas zu bewundern. – Wenn ich jetzt das Fenster öffne, passiert es.

Während Iris mit gestreckten Armen den oberen Rand des Rahmens putzte, stellte Anne wie von einer fremden Hand gesteuert die Verriegelung quer.

Und genau wie am Vortag riss ein Windstoß den Fensterflügel auf.

Genau wie am Vortag knallte das große Schlafzimmerfenster durch die Zugluft zu.

Nur dass im Gegensatz zum Vortag die Leiter dazwischen stand und auf ihr die fensterputzende Iris. Es kam, wie es kommen musste: Die Leiter kippte, Iris verlor das Gleichgewicht, versuchte verzweifelt, sich an der glatten Scheibe festzuhalten, rutschte ab und fiel mit einem gellenden Schrei in die Tiefe.

Das alles passierte innerhalb weniger Sekunden.

Anne erstarrte. Sie wusste nicht, wie lange sie so gestanden war, als sie sich doch zwang, zu dem offenen Fenster zu gehen. Iris’ Körper lag seltsam verdreht auf der Rasenfläche vor dem Haus. Einige Menschen liefen zu ihr hin und sahen dann nach oben. Anne zuckte zurück. Mit steifen Beinen ging sie wieder ins Wohnzimmer und schloss dort das Fenster. Sie setzte sich in ihren Lehnstuhl und versuchte einen vernünftigen Gedanken zu fassen, aber in ihrem Kopf war absolute Leere.

Das hatte sie nicht gewollt.

Nein, wirklich nicht. Wirklich nicht?