Kapitel 1


(1)


Es begann auf dieser Fete bei Mira. Sie hatte einen Haufen Kolleginnen und Kollegen eingeladen. Mira ist Grund­schullehrerin. Mir war die „schlimme Kindheit“ oder „die soziale Scheiße“ in der mir unbekannte Kinder steckten ziemlich egal. Aber genau das war natürlich das Hauptthema des Abends.

Zu fortgeschrittener Stunde schwärmte jemand der rot­weinseligen Gäste plötzlich von einem Höhlenerlebnis. „Diese Farben im Scheinwerferlicht! Traumhaft!“ Ich langweilte mich unendlich und hatte auch keine Lust, an euphorischen Diskussionen teilzunehmen. Mira versuchte meine schlechte Laune abzufedern, und das kann sie wirklich gut.

Am nächsten Tag übernahm ich einen dämlichen Über­wachungsauftrag, der schon nach zwei Tagen erledigt war, und dann überraschte Mira mich mit diesem Katalog.

Hänschen, schau mal: Schwäbische Alb! Schön da, nicht?“

Ja, die Landschaft hatte was, und in Berlin sieht man sehr selten Fachwerkhäuser.

In einer Woche gibt’s Sommerferien. Was sagst du zu drei Wochen Entspannung in der Gegend dort?“

Schwäbische Alb? Im Sommer?“

Warum nicht? Muss doch nicht immer Griechenland oder Ibiza sein.“

Nein, musste es nicht. Irgendwie war es mir auch egal, wohin ich mit Mira reisen würde. Mit ihr war es überall schön.

Ich hab‘ schon alles zusammengestellt. Mit dem Zug fahren wir bis Tuttlingen. Weißt du, das ist die Stadt, wo die Donau unterirdisch weiter fließt.“

Nein, wusste ich nicht. Geografie ist nicht gerade meine stärkste Seite.

Von da geht’s dann weiter. Deine Agentur machst du für einen Monat dicht. Müssen die Gangster eben solange auf dich verzichten.“

Sie hatte gut reden bei ihrem festen Gehalt. Als Privatdetektiv verdient man sich nicht gerade eine goldene Nase, und man muss nehmen, was reinkommt. Aber der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub mit Mira reizte mich. Von einer Höhlenbesichtigung sagte sie damals nichts.


(2)


Die Schwäbische Alb gehört zu den variskischen Gebirgszügen, ist also im Paläozoikum, genauer gesagt während des Karbon entstanden und heute an höchster Stelle knapp über 1000 Meter hoch. Sie gehört zum südwestdeutschen Schichtstufenland!“ Das ohrenbetäubende Geknatter eines Bundeswehrhubschraubers unterbrach den Vortrag des Lehrers einer 10. Realschulklasse aus Hannover. Die Schülerinnen und Schüler waren auf Klassenfahrt und folgten den Ausführungen des Lehrkörpers mit erstaunlich höflichem Desinteresse.

Wir standen im Pulk mit anderen Touristen, die sich unbedingt die große Höhle ansehen wollten. Angeblich zog sie sich kilometerweit durch die Alb, als Ergebnis eines ständigen Umleitungsprozesses oberirdischen Wassers in die Karstgefilde der Unterwelt. Ein Höhlenführer würde uns wahre Wunder präsentieren und teilweise würde es mit Booten weitergehen, der unterirdischen Seen wegen.

Ich bin nicht ängstlich, aber vor Höhlen habe ich Respekt. Ich durchschaue deren Architektur nicht und kann deshalb kein Gefühl der Sicherheit entwickeln. Mehr oder weniger ergeben stand ich schwitzend neben Mira und dachte urplötzlich an Cäsar, meinen Kater. Er streunte zwar häufig durch die Gegend, bei Schlechtwetter aber besann er sich auf seine trockene Bleibe. Dann musste er versorgt werden. Ich hatte Freund Karl gebeten, nach ihm zu sehen. Denke ich an Karl, denke ich an unsere Stammkneipe „Bei Hanno“. Ich leckte mir die Lippen. Ein Bier wäre jetzt schön.

Unsere Tickets hatte Mira, und dann waren wir an der Reihe. „Mein Name ist Bachmayer!“, stellte sich der Höhlenführer vor. „Sie haben hoffentlich alle Jacken dabei. Es wird nämlich feucht und kühl da herinnen.“ Die teilweise sehr leicht bekleideten Schülerinnen aus Hannover waren kurz zuvor in dem Höhleneingang verschwunden. Jacken hatte ich bei denen nicht gesehen. Eine ältere Dame vor mir jedoch trug derbe Wanderschuhe mit Wollsocken und eine Kakijoppe mit vielen Taschen.

So schlimm wird es schon nicht werden!“, dachte ich.