Beeilung, Böhm!“, trieb Rohde mich an. „Die Winzer warten. Heute bescheißen wir uns wieder gegenseitig.“

Wir bestiegen gemeinsam den Fond seines Dienstwagens. Ein brummiger Mann mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baskenmütze auf dem Kopf chauffierte uns aus der Stadt hinaus. Rohde erklärte mir, dass es nicht leicht sei, mit den Winzern zu verhandeln. Nicht nur hier, sondern auch in anderen Regionen waren die neuen Vorschriften aus Berlin zum monatlichen Lieferumfang auf heftigen Protest gestoßen. Rohde selbst bezifferte die neuerdings geforderte Menge als kompletten Ausverkauf der Qualität. Natürlich hätten die Winzer noch Reserven gebunkert, aber die meisten versuchten, ihre Abnehmer mit einfachem Tafelwein abzuspeisen.

Die sind tatsächlich der Meinung, dass die Reichsdeutschen den Unterschied gar nicht herausschmecken.“, fauchte er, nickte dann einem imaginären Gegenüber zu und grummelte dabei vor sich hin: „Wo se recht ham, ham se recht. - Und wo se nich recht ham, ham se nich recht, was?“

Diesmal nickte er mir zu. Ich nickte artig zurück. Rohde hatte den Ehrgeiz, bei allen Schwierigkeiten dennoch fairen Handel zu treiben. Nur eines konnte er auf den Tod nicht ausstehen:

Ich hasse es, betrogen zu werden!“, ereiferte er sich und musterte mich dabei, als stünde ich im Verdacht, ihm ein faules Geschäft andrehen zu wollen.

Die Limousine machte vor dem Hauptgebäude eines großen Weingutes Halt. Hier wollte sich Rohde mit mehreren Winzern der Gegend treffen, um neue Preise auszuhandeln.

Rohde stieg, für seine Körperfülle erstaunlich schwungvoll, aus und gab dem Chauffeur an, nur etwa eine Stunde warten zu müssen. Der Mann nahm die Information mit gelangweiltem Schulterzucken entgegen, stellte den Motor ab und lehnte sich zurück. Ich beeilte mich, Rohde zu folgen, der mit starkem Schritt auf das Haus zusteuerte. Das Portal öffnete sich und eine kleine Delegation übertrieben festlich gekleideter Herren drückte sich zu seiner Begrüßung heraus. Er winkte ihnen zu und drehte sich dann zu mir um.

Böhm. Ich werde da erst mal alleine reingehen. Schauen Sie sich um! Gehen Sie spazieren! Vielleicht lernen Sie ja was über Weinbau. Ich rufe Sie dann für das Protokoll.“

Enttäuscht blieb ich stehen und sah Rohde mit den Winzern im Haus verschwinden. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass er mit den Herren etwas zu besprechen hatte, was keine Zeugen vertrug. Ich sah mich um. Der Fahrer saß hinter dem Steuer, hatte seine Mütze ganz über das Gesicht gezogen und schien zu schlafen.

Plötzlich hörte ich das Klirren von Flaschen. Ich machte mich auf, nach der Quelle des Geräusches zu suchen. Hinter dem Haus stand ein Lastwagen mit der offenen Ladefläche zur Tür eines Kellergewölbes geparkt. Ein Mann trug eine Kiste aus dem Lagerraum und hievte sie auf den Wagen. Ich wollte grüßen, aber der Mann verschwand wieder im Keller, ohne mich bemerkt zu haben. Ich trat an den Lastwagen heran, griff neugierig in die Kiste und entnahm ihr eine Flasche. Ich weiß nicht mehr, was auf dem Etikett stand, aber meinen bescheidenen Kenntnissen nach handelte es sich hier um einen sehr edlen Tropfen. Ich legte die Flasche zurück und stieg die eine Stufe zum Gewölbeeingang herunter. Ich wollte Rohdes Anweisung, mich hier umzuschauen, befolgen und mal sehen, was ich lernen konnte.

Plötzlich trat jemand von innen gegen die halb zugefallene Tür. Ich sprang zur Seite, um nicht von dem aufschlagenden Flügel getroffen zu werden. Die Tür schwang herum und verdeckte mich vollständig. Der Mann kam mit einer weiteren Kiste aus dem Keller und sprach laut mit einem zweiten Mann, der ihm gleich darauf aus dem Gewölbe folgte. Ich blieb, einem unbestimmten Gefühl nachgebend, einfach reglos hinter der Tür stehen und konnte so unbemerkt das Gespräch der beiden Herren verfolgen.

Wenn die Deutschen die Preise festlegen, bekommen sie das, was ihnen zusteht.“ sagte der eine in hiesigem Akzent.

Auf jeden Fall müssen wir vorsichtig bleiben. Rohde benimmt sich wie ein Freund. Er täuscht vor, er sei der nette Onkel Ottokar. Aber im Grunde ist er einfach ein Nazi.“, erwiderte der andere.

Mir war nicht wohl auf meinem Horchposten. Ich musste vernehmen, wie die beiden sich in der abfälligsten Weise über die Deutschen im Allgemeinen und über Ottokar Rohde im Besonderen ausließen. Dann erfuhr ich, dass es ihrer Meinung nach die nationale Pflicht eines jeden anständigen Franzosen sei, den Besatzern Schaden zuzufügen, wo es nur ging und also sei es auch nur folgerichtig, dass sie die Etiketten der Weinflaschen einfach ausgetauscht hätten.

Der schlechteste Wein, den wir in unseren Kellern haben, ist immer noch gut genug für die Boches. Erst recht, wenn die Lieferung an die Wehrmacht geht.“, sagte der eine Mann und verschwand wieder im Keller.

Mag sein, dass sie uns besiegt haben, aber unterkriegen werden sie uns nie.“, pflichtete ihm der andere bei und verschwand ebenfalls wieder im Keller.

Ich schob die Tür so vorsichtig von mir, dass sie keinerlei Geräusch abgab. Dann musste ich erst einmal tief durchatmen, bevor ich mich davonschlich. Kurz bevor ich um die Hausecke huschen konnte, stand plötzlich der Chauffeur vor mir. Ich erschrak. Er sah mich vollkommen emotionslos an und sagte, dass Rohde mich im Haus erwarte. Ich konnte seinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob er etwas von meiner unfreiwilligen Lauschaktion mitbekommen hatte. Ich beschloss, so zu tun, als wäre nichts gewesen, zog an ihm vorbei und hüpfte die Stufen zum Haus hinauf.

Drinnen wurden mir unendlich lange Listen mit Lieferungen und Preisen diktiert. Dann nahm Rohde die Rechnung mit dem Endübertrag an sich, machte einen großen Strich darunter und setzte eine Gesamtsumme fest. Die Herren Winzer taten devot, ohne es zu sein. Rohde lächelte dazu, ohne dabei wirklich Freundlichkeit zu versprühen. Der Wortführer unter den Winzern, ein gewisser François Gaillard, schrieb im Namen seiner Kollegen eine andere Zahl daneben. Eine merkwürdig ausgelassene Stimmung von bewusster und allgemein akzeptierter Verlogenheit breitete sich aus, wie ein Virus. Alle lachten. Ich lachte auch und wusste gar nicht so genau, worüber. Rohde nahm die Liste und zerriss sie demonstrativ. Das Lachen verebbte und man beschloss, die Sache zu überschlafen und sich morgen in Bordeaux in kleinerem Kreis wieder zu treffen.

Zum Abschluss schenkten die Winzer Rohde noch eine Kiste des allerbesten Weines, zu der jeder von ihnen ein oder zwei Flaschen beigesteuert hatte. Rohde bedankte sich betont herzlich, gab mir die Kiste und ich trug sie zum Wagen raus. Die Herren verabschiedeten sich unter Austausch allerlei Artigkeiten und beschworen die gegenseitige Absicht, die Verhandlungen morgen mit einer für beide Seiten akzeptablen Annäherung bezüglich der Liefermenge und des Preises zum Erfolg zu bringen. Zurück an unserer Limousine angekommen raunte mir Rohde zu:

Und? Haben Sie heute was gelernt?“

Über Wein oder über Krieg?“, antwortete ich flapsig.

Rohde sah mich ernsthaft getroffen an.

Wollen Sie mir unterstellen, ich würde die Vignerons hier über den Tisch ziehen?“

So hatte ich meine Bemerkung gar nicht gemeint.

Wissen Sie, welchem Druck ich von Berlin ausgesetzt bin?“, zischte er. „Wenn ich nicht wäre, dann würden diese Herren da drinnen bald gar keine Existenz mehr haben. Und ich will Ihnen was sagen und das sage ich jetzt und dann nie wieder: Ich will noch Geschäfte mit den Franzosen machen, wenn dieser ganze Scheiß-Krieg vorbei ist. Oder glauben Sie etwa, wir wären tatsächlich unbesiegbar?“

Ich musste schwer schlucken. Ehrlich gesagt hatte ich mir nie darüber Gedanken gemacht, dass der Krieg auch anders ausgehen könnte, als es in der Heimat propagiert wurde. Ich entschuldigte mich und erklärte:

Ich wollte eigentlich sagen, dass die Franzosen Sie über den Tisch ziehen.“

Rohde sah mich überrascht an. Ich berichtete ihm, was ich hinter dem Haus in Erfahrung gebracht hatte. Rohde versank in einer gefährlich tiefen Ruhe: Ein Choleriker zwischen zwei Anfällen. Er stand vor mir, ausgestellt, völlig leer. Die ganze Masse seines Körpers wirkte für einen kurzen Moment nur noch wie eine seelenlose Hülle, wie eine menschliche Ruine, wie ein erloschener Vulkan.

Der Lastwagen, der hinter dem Haus beladen worden war, bog um die Ecke und kam auf uns zu. Rohde stand mitten auf dem Weg. Der Lieferwagen hupte kurz, aber Rohde bewegte nicht einmal die Augenlider. Der Weintransporter musste anhalten. Jede Sekunde, dachte ich, kann der Mann explodieren und Lava speien. Aber Rohde blieb seltsam beherrscht. Er hob langsam den Kopf und fixierte den Lastwagenfahrer. Dann setzte sich der glühende Felsen in Bewegung und rollte unaufhaltsam in Richtung Katastrophe. Rohde ging zur Fahrerseite und winkte den Chauffeur mit einer sehr knappen, aber unmissverständlichen Geste aus dem Wagen. Die Körpersprache des Fahrers verriet deutliches Unbehagen. Er öffnete nur zaghaft das Fenster. Rohde fragte ausgesucht höflich, für wen denn seine Lieferung sei und bat den Mann, doch kurz den Motor abzustellen. Der Fahrer gehorchte. Rohde ging hinter zur Ladefläche. François Gaillard kam eilig dazu gelaufen und wollte besorgt wissen, ob etwas nicht in Ordnung sei.

Alles ist bestens!“, gab Rohde sanft säuselnd an. „Ihr Fahrer hat mir gerade erzählt, dass er eine Ladung für die Wehrmacht ausliefert. Ich möchte zu gerne wissen, was unsere Soldaten zu trinken bekommen.“

Rohde lächelte schmal und griff wahllos in eine der offenen Kisten. Gaillard stand der Schweiß auf der Stirn.

Gar nicht schlecht.“, staunte Rohde bei Betrachten des Etiketts. „Fast so gut, wie der, den Sie mir zum Probieren geschenkt haben.“, hauchte er Gaillard ins Gesicht.

Gaillard wendete nervös ein, dass die Flaschen dieser Lieferung aber gezählt seien und deutete an, Rohde möge die eine in seiner Hand doch bitte wieder zurücklegen. Rohde winkte mich näher, entnahm der Kiste auf meinen Armen eine der Geschenk-Flaschen und legte sie anstelle der anderen in die Kiste auf der Ladefläche.

Ich frage mich, wie ich den hier finden werde.“, murmelte er für alle klar verständlich vor sich hin und machte mir ein Zeichen, in die Limousine einzusteigen. Ich tat es.

Ich erwarte Sie also morgen in meinem Büro, um die endgültigen Konditionen festzulegen?“

Rohdes Frage war nicht auf eine Antwort aus. Er stieg ebenfalls in den Wagen und schlug die Tür hinter sich zu. Unser Fahrer ließ den Motor an und fuhr los. Im Rückspiegel konnte ich beobachten, wie verloren Gaillard dastand und uns mit offenem Mund hinterher sah.