Es klingelte am frühen Abend jemand an der Haustür des Hausmeisters, der sich zu dem Zeitpunkt in einem leicht euphorischen Zustand befand. Das wohlige Gefühl der Selbstzufriedenheit stellte sich immer ein, wenn er von einigen Feierabendbierchen und dem schönen Gefühl, seinen verhassten Bruder beschissen zu haben, berauscht war. Lächelnd öffnete er die Tür, weil er glaubte, einer seiner Söhne würde vorbeikommen, um sich bei ihm für sein Engagement zu bedanken, das ihnen zu unerwarteter Kohle verholfen hatte. Das Grinsen, mit dem er seine Selbstverliebtheit unterstreichen wollte, verging ihm, als er in den Mündungslauf einer Kalaschnikow schaute. In dem Moment, als ihm der Urin an den Beinen herunterlief, senkte sein Gegenüber den Lauf der Pistole und schoss ihm ins Knie. Er konnte den Aggressor in den dunklen Abendstunden nicht erkennen, aber durchaus verstehen, was er ihm sagte, als er glaubte, sein Knie würde brennen: „Liebe Grüße von Andreas und seiner Frau.“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht brach er zusammen. Kurz bevor ihn die Gnade der Bewusstlosigkeit überkam, hörte er die Stimme seines jüngsten Sohnes zu sich durchdringen. Dankbar darüber, gefunden worden zu sein, wich die Angst zu verbluten von ihm. Er schloss vertrauensvoll seine Augen, um in die Arme Morpheus zu gleiten.

Als jemand an seiner Schulter rüttelte, wurde er wütend und brüllte: „Hör auf damit, ich will schlafen.“ Die Stimme seines Sohnes wurde lauter und er begriff, wessen Hand es war. Erbost versuchte er sich zu erheben. Der Griff an seine Schulter wurde heftiger. Es gefiel ihm nicht, wie der kleine Scheißer an ihm herumzerrte. Noch weniger gefiel es ihm, als er sagte: „Mensch Alter, du mit deiner scheiß Sauferei. Versuch mal aufzustehen, oder willst du, dass dich deine Nachbarn so sehen?“ Als die erste Träne, erweckt durch physischen Schmerz und Demütigung, an seinen Wangen herunterlief, wurde sein Sohn wütend. Er schrie ihn an: „Mensch Alter, heulen nützt jetzt auch nichts. Steh endlich auf.“ Seine Kehle war wie zugeschnürt, als er stammelte: „Ich bin nicht besoffen, Andreas hat mir ins Knie geschossen.“ Dem Jungen wurde das Geseiere seines Vaters zu viel. Er ging in die Knie, schob einen Arm unter die Beine des Vaters und versuchte im gleichen Moment sein Wissen über das Tragen von verletzten Kameraden abzurufen, als er im diffusen Licht der Haustürbeleuchtung sah, wie sich sein frisch gewaschenes weißes Hemd rot verfärbte. Entsetzt ließ er seinen winselnden Vater fallen.

Panik überkam ihn, weil er kein sauberes Hemd mehr hatte. Er dachte an seine Verabredung mit der kleinen Russlanddeutschen, der er seit einigen Wochen unentgeltlich half, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Es machte ihm Spaß, den Schulmeister zu spielen. Er hatte sich vorgenommen, ihr am Abend zu sagen, dass ihm für seine Nachhilfestunden allmählich auch mal Dank gebührt. Sie sollte ihm zeigen, wie es mit ihren nonverbalen Kenntnissen in Französisch stand. Hektisch klingelte er an der Haustür. Meine Mutter muss das Hemd waschen und in den Trockner schmeißen, dachte er. Als sie hysterisch schreiend vor ihm stand, begriff er, dass es außer seinem Hemd noch andere Probleme gab. Zusammen schleppten sie den greinenden Hausmeister ins Wohnzimmer. Als dieser zusammengekauert auf dem teuren hellen Teppich lag, erhob sich seine Frau und gab ihrem erschrockenen Sohn eine Ohrfeige. Kurz bevor der Hausmeister die Besinnung verlor, hörte er sie noch keifen: „Ich habe euch hundertmal gesagt, dass ich nichts dagegen habe, wenn ihr euren Vater verarscht, von zusammenschlagen war aber nie die Rede.“