Sie spürte deutlich einen Druck im Hals. Nachdenklich schob sie ein Stück Brot in den Mund, biß ab, kaute und wollte es auch schon hinunterschlucken. Doch es ging nicht! Das Brot rutschte nicht durch ihren Schlund. Martha M. setzte nochmals zum Schlucken an, aber das Brot wollte nicht hinuntergleiten. Sie schluckte noch ein drittes, ein viertes Mal, immer kräftiger, fast versuchte sie schon das Brot hinunterzupressen. Der Schrecken fuhr ihr durch alle Glieder, in Panik sprang sie auf, riß das Glas mit der Milch an sich, füllte sich den Mund mit der molligen weißen Flüssigkeit und schluckte kräftig - einmal, zweimal. "Ahh“, endlich war der Bissen unten! Die Angst noch in ihren Gliedern, setzte sich Martha M. wieder auf ihren Sessel und beruhigte sich langsam. Sie spürte Wärme von ihrem Magen aufsteigen, die sich im Halsbereich fast zu einem Hitzen verdichtete und sich über den ganzen Körper ausbreitete. Nach einigen Minuten erholte sie sich von dem Schrecken. "Was war denn das?" fragte sie sich, aufs höchste beunruhigt. "Hoffentlich kommt das nicht wieder!" Nach einigem Zögern nahm sie wieder einen Bissen Brot, diesmal zur Sicherheit einen sehr kleinen, und konzentrierte sich nun genau auf den Schluckakt. Würde es jetzt wieder nicht klappen? Und wirklich! Der Bissen blieb abermals stecken. Diesmal schon darauf vorbereitet, geriet sie nicht so in Panik, sondern nahm einen Schluck Milch und ihr Körper beförderte das zerkaute Brot in den Magen. "Das gibt es doch nicht - ich werde doch noch schlucken können!" sprach sich Martha M. Mut zu und biß wieder ein größeres Stück ab, nach­dem sie einige Zeit mit dem Essen innegehalten hatte. Sie kaute lange daran, um es gut mit Speichel zu vermischen und es dadurch schlüpfriger zu machen. Während sie zum Schluckakt ansetzte, versuchte sie sich innerlich zu beruhigen. Doch der Bissen blieb wieder stecken. Er schien ihr die Speiseröhre zu verstopfen. Er ging nicht hinunter, aber auch nicht zurück. Martha M. versuchte ihn zu erbrechen. Sie sprang auf und lief zur Abwasch. Es ging nicht! Noch panischer als zuerst, gelang es ihr diesmal nicht, den Bissen mit Milch hinunterzuspülen. Schon hatte sie den Eindruck, ersticken zu müssen und wollte zur Nachbarin laufen. Ihr Würgen war nur noch ein verkümmerter Versuch, das Stückchen Brot aus dem Hals zu bekommen - in den Magen oder heraus, das war ihr egal. Kopflos lief sie schon zur Wohnungstür, wollte aufsperren und auf den Gang laufen, rannte plötzlich zur Abwasch zurück, drehte den Hahn auf, hielt den Mund darunter und schlürfte Wasser in sich hinein. Sie schluckte und schluckte - der Bissen war unten!


Sie lehnte sich an den Rand, der Kredenz, atmete tief und schnell und starrte gedankenlos auf die weißlichgelbe Wand. Als sie sich wieder etwas gefaßt hatte, war ihr ganz nach Weinen zumute. Jetzt konnte sie nicht einmal mehr schlucken! "Die einfachste Sache der Welt, und ich kann nicht einmal mehr das!" redete sie sich ein. Sie wollte Tränen herauspressen, doch es mißglückte. Sie legte ihre Hände über das Ge­sicht, konnte aber ihre Gedanken nicht recht in eine bestimmte Richtung lenken. Sie spürte plötzlich, daß sie auch künftig nicht mehr würde schlucken können.


Als Martha M. wieder bei ihrem Tisch saß, wußte sie nicht recht, ob sie es wagen sollte, wieder weiterzuessen oder ob sie sich nur mit der Milch begnügen sollte. Da dies das Problem aber nur hinausschieben würde - schließlich müsse sie wieder einmal feste Nahrung zu sich nehmen - entschloß sie sich dazu, kleinste Stücke abzubeißen und gleich mit etwas Flüssigkeit hinunterzuspülen. Dies funktionierte auch einigermaßen. Nachdem sie die Speise fest zerkaut hatte, nahm sie Milch in den Mund und würgte die damit verflüssigte Nahrung in den Magen. Sie mußte zwar bei manchem Bissen mehrmals schlucken, doch konnte sie auf diese Weise ihr Nachtmahl langsam verzehren.


Einige Zeit, nachdem sie ihr Abendessen beendet hatte, spürte Martha M. noch immer etwas im Hals. Es war, als steckte noch ein Stück darin. Sie schluckte immer wieder, doch es löste sich nicht. Auch Wasser, das sie, bald schluckweise, bald in größeren Mengen trank, half nichts. Weder stellte sich Atemnot ein noch tat es ihr weh, aber es beunruhigte sie, daß offensichtlich ein Stück Brot im Hals steckengeblieben war und nicht in die bäuchlings gelegenen Verdauungsorgane rutschen wollte. In diesem Zustand legte sich Martha M. ins Bett.


Die Nacht konnte sie kaum schlafen, das Stück im Hals stieg ihr ständig ins Bewußtsein. Am Morgen stand sie wie gerädert, mit dem Druckgefühl im Rachen, auf. Sie hoffte, mit dem Frühstück den vom Vor­abend noch im Hals befindlichen Speiserest hinunterschlucken zu können, doch konnte sie die Frühmahlzeit selbst kaum hinabwürgen. Einmal befiel sie fast wieder Panik, die sie jedoch schnell mit etwas Tee hinun­terspülte. Sie konnte das Frühstück nur so langsam zu sich nehmen, daß sie die Hälfte stehen lassen mußte, um rechtzeitig zum Bus zu kommen!


Wie wird das nur im Büro sein, wenn sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen, wie üblich, die gemeinsamen Mahlzeiten zu sich nehmen würde? Sie kann doch nicht sagen, sie könne nicht mehr schlucken! "Nein, das ginge nicht, die würden mich glatt für verrückt halten", dachte Martha M. "Ich kann heute nicht essen gehen; ich werde sagen, ich habe keinen Hunger - oder, ich fühle mich vom Magen her nicht wohl", überlegte sie.


Das tat sie dann auch. Ihre Kolleginnen bemitleideten sie, daß sie zu ihren Halsbeschwerden nun auch noch Magenverstimmung hätte. In einer kurzen Arbeitspause nahm Martha M. ein kleines Gabelfrühstück zu sich, das sie bissenweise mit Kaffee hinunterspülte. Eine gerade anwesende Mitarbeiterin wunderte sich zwar etwas, daß Martha M. - ansonsten keine große Kaffeefreundin - gerade an jenem Tag, an dem ihr vom Magen übel war, besonders viel Kaffee zu sich nahm, aber weiters fiel Martha M.s Eßverhalten niemandem auf. Glücklicherweise war sie vorsichtig genug, sodaß sie keine so starken Schluckstörungen wie am Vortag provozierte und folglich nicht vor ihren Kolleginnen in Panik geriet.


Wieder zu Hause, kochte sich Martha M., mittlerweile schon ziemlich hungrig, Suppe und Erdäpfel, die sie mit Butter und Salz zu sich nehmen wollte. Sie hoffte, daß sie die Erdäpfel leichter schlucken könne. Ob­wohl sie zu jedem Bissen einen Schluck Tee trank, steckten die Erdäpfel immer wieder im Hals. Schließlich zerdrückte sie diese mit einer Gabel und aß sie langsam auf.


Als Martha M. wieder satt war, konnte sie erstmals über ihre neue Krankheit lachen. Gleichzeitig fiel ihr auf, daß das Fremdkörpergefühl im Hals, das sie jetzt dauernd begleitete, möglicherweise eben nur ein Gefühl sei, und daß in Wirklichkeit gar nichts steckte. Eigentlich war es unlogisch anzunehmen, daß eine Speise so lang im Hals verharren könne, ohne sich mit der Zeit aufzulösen. Doch als sie wieder zur Probe etwas Festes schlucken wollte, war ihr klar: da steckt etwas im Hals! Möglicherweise hatte sie etwas Hartes verschluckt, das nun nicht durch ihren engen Schlund hindurch konnte!


Am folgenden Morgen merkte sie beim Frühstück, daß sich nichts geändert hatte. Obwohl sie extra einen weichen Striezel besorgt hatte, konnte sie diesen nur mit größter Mühe schlucken, indem sie den Schluckakt sehr bewußt vollführte. Sie tauchte nun den Striezel stückchenweise in den warmen Kaffee, um ihn aufzuweichen und dadurch schluckbarer zu machen. Obwohl ihr vor der gatschigen Masse grauste, zwang sie diese hinunter. Richtig feste Nahrung zu sich zu nehmen, schien ihr fast unmöglich. Aus diesem Grund lehnte sie dann auch im Büro die Aufforderung der Arbeitskollegen, mit ihnen essen zu gehen, ab und versuchte heimlich, weiche Nahrung zu sich zu nehmen. Verzweifelt wendete sie sofort nach Dienstschluß ihre Schritte in Richtung Ordination des Professors, wo sie von der Ordinationsgehilfin etwas erstaunt empfangen wurde, da Martha M. einige Tage vor dem geplanten Termin erschien. Die Dame wollte sie auch darauf auf­merksam machen, doch Martha M. ersuchte darum, noch am selben Tag vom Professor untersucht zu werden, da es sich um eine dringende Angelegen­heit handelte.