43.


Ludwigs Späße




Ludwig ist ein Schelm.

Auch wenn er nicht mehr in dem Alter ist, wo man anderen einen Streich spielt, ist er immer für einen solchen zu haben.

Ein Technikbegeisterter ist er auch. Schon als ich ihn kennen lernte, gab es in seinem Zimmer alles, was man an Bauteilen für ein Transistorradio, einen Röhrenverstärker, eine Antenne oder ähnliches brauchte.

Über die Jahre haben sich die Bauteile verändert, die Leidenschaft für die Technik nicht.

Mittlerweile ist es die Computertechnik, die ihn in ihren Bann schlägt. Seit Neuestem wird „geskypt“ . Das heißt, eine kleine Kamera nimmt ihn auf, wenn er an seinem Mac sitzt , das Headset auf dem Kopf und mit einem anderen Skyper Kontakt aufgenommen hat. In der Übersetzung: Ludwig sitzt, auf dem Kopf Kopfhörer und Mikrophon , vor seinem PC, der Mac heißt, lässt sich von der Kamera aufnehmen und schickt dieses Bild seinem Gesprächspartner, dessen Konterfei wiederum auf Ludwigs Bildschirm erscheint.

So sind sie quasi dicht beieinander, können sich in die Augen schauen und ihre Umgebung unmittelbar in Augenschein nehmen. Eine schöne Spielerei.

Leider sind noch zu wenige mit dieser Technik ausgestattet und vertraut, so dass es eher selten zu einem Sichtkontakt kommt.

Für das Wochenende hatte sich ein Freund angemeldet zum skypen. Ludwig räumte sein Zimmer auf. Auf dem Fernsehbild sah man in den Hintergrund des Zimmers und das machte keinen so guten Eindruck. Es stand zu viel herum. Die Aktivitäten des Winters waren noch deutlich sichtbar, z.B. Röhrenverstärkerbauteile und Chassis. Lötkolben und Fachliteratur.

Die Beleuchtung war auch nicht perfekt. Die Deckenlampe gab zwar eine schöne warme Hintergrundstimmung, aber immer brannte eine Glühbirne durch. Wohl ein technischer Defekt bei der Installation.

Mit der großen Leiter ging er dem Problem zu Leibe.

So, auch das war jetzt perfekt.

Jetzt musste er sich noch seines Äußeren annehmen. Im Hausanzug vor der Kamera war nicht so ganz nach seiner Vorstellung.







44.



Georg, sein Gesprächspartner, war immer in Hemd und Pullover , manchmal sogar mit Krawatte zu sehen.

Dabei fiel ihm ein, seine Frau hatte erst kürzlich zwei Fliegen gekauft.

Eine graue und eine dunkelblaue. Die graue passte ganz gut auf das dunkelrote T-shirt. Georg würde sich amüsieren, wenn er, Ludwig, auf seinem Bildschirm so auftauchte. Ludwig freute sich schon im voraus auf Georgs Gesicht.

Der Nachmittag schritt voran und Georg meldete sich nicht.

Gegen Abend rief seine Frau an , um mitzuteilen, dass aus dem Kontakt an diesem Tag nichts würde, da Georg einer dringlichen anderen Beschäftigung nachzugehen hätte.

Schade, dann eben ein anderes Mal.

Ein bisschen enttäuscht war Ludwig schon. Er stellte die Bemerkung :“Zur Zeit nicht erreichbar“ und sein Testbild ins Netz und wandte sich anderen Dingen zu.

Am Nachmittag hatte der Paketbote ein Päckchen für unseren Nachbarn abgegeben, bei denen niemand zuhause war. Jetzt war es Abend geworden und die Garagentür unüberhörbar zu gegangen. Also mussten sie zurück sein. Mit dem Päckchen in der Hand stand er vor der Tür und wartete, dass ihm geöffnet würde.

Der Nachbar kam, wochenendchic, im blau- weiß gestreiften Oberhemd, schwarzer Hose, in der Hemdtasche den obligatorischen Kugelschreiber und nahm Ludwig das Päckchen ab. Er hat mich komisch angeschaut, dachte Ludwig ,regelrecht irritiert.

Aber er dachte nicht weiter darüber nach.

In der Wohnung zurück ging Ludwig zum Hände waschen ins Bad. Das machte er immer so, wenn er fremde Gegenstände berührt hatte. Sein Blick traf auf sein Spiegelbild und plötzlich wusste er, warum der Nachbar ihn so seltsam angeschaut hatte. Er trug noch immer die graue Fliege zu rotem

T-Shirt und anthrazitfarbenem Hausanzug.

Ja. Ludwig ist ein Schelm!