Endlich war die Versammlung beendet und Keno konnte aufbrechen. Der Weg bis Wilmans Park war weit und als Keno sein Ziel erreichte, konnte er gerade noch wahrnehmen, wie die Sonne als glühender Ball in die Elbe eintauchte und der Himmel für ihn in immer neuen Grautönen erstrahlte. Dann trat der Mond auf. Vornehm silbern leuchtete er den Park und die verwunschene Villa aus. Sein Licht gab allen Dingen eine schärfere Kontur. Dies war die Stunde der Jäger. Eulen, Katzen, vielleicht sogar der lauernde Rattenfänger konnten jetzt überall auftauchen. Lautlos schlich Keno durch das Gebüsch auf die Villa zu. Als er ein Geräusch hörte, blieb er stehen und lauschte, aber alles war ruhig. Schließlich schlich Keno weiter, diesmal in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Dann entdeckte er sie.

Auf dem Rand eines großen Springbrunnens balancierte eine grazile Gestalt. Ihr helles Fell glänzte wie weißes Gold im Mondlicht. Vorsichtig trank sie aus dem Brunnen. Als sie wieder aufblickte, sah sie für einen Moment unverwandt in Kenos Richtung. Dabei funkelten ihre Augen wie helle Diamanten. Keno stockte der Atem. Das musste die geheimnisvolle Fiona sein. Doch ihm blieb nicht viel Zeit die Schönheit Fionas zu bewundern, denn völlig überraschend schoss ein knurrender, gefleckter Terrier aus dem Nichts.

Er hielt mit flachen kraftvollen Sätzen auf die weiße Ratte zu. Reglos verharrte diese auf dem Brunnenrand, die Muskeln zum Sprung gespannt. Aber sie vergaß zu springen. Stattdessen nahm Keno einen tiefen Atemzug und verkürzte die Distanz zum Brunnen mit zwei, drei geschmeidigen Sprüngen, unbemerkt von dem Terrier, dessen Jagdtrieb voll und ganz auf die weiße Rättin konzentriert war. Jetzt erreichte der Terrier den Brunnen. Er sprang, aber der Rand war zu hoch und schmal für ihn. Er verlor das Gleichgewicht und stand unversehens wieder vor dem Brunnen. Wütend kläffte er Fiona an. Seine Augen blitzten böse. Fiona zog lediglich ihre Lefzen hoch. Keno stutzte. Wie konnte eine Süllbergratte angesichts tödlicher Bedrohung so abgebrüht sein? Das hatte er nicht erwartet. Auch der Terrier war für einen Moment irritiert, nahm den Kampf aber sogleich mit der ihm angezüchteten Passion wieder auf. Er trat ein paar Schritte zurück, nahm erneut Anlauf, sprang auf den Brunnenrand und gleich weiter auf die Rättin zu, die jetzt offenbar doch zur Flucht entschlossen war. Aber das wusste der erfahrene Terrier zu verhindern. Noch im Sprung steckte er den Kopf schützend zwischen die Vorderpfoten, um seine empfindliche Nase zu schützen. In der Luft stieß er mit Fiona zusammen. Die prallte an ihm ab und fiel ins Wasser. Jetzt brauchte der Terrier nur noch zuschnappen und Fiona ertränken, zermalmen, töten.

Der Jagdhund entblößte seine gefährlichen Zähne und sprang. Da landete Keno ihm im Genick. Mit aller Kraft biss er sich in der Nackenfalte des Hundes fest und versuchte mit seinem Gewicht den Kopf des Terriers, der keinen Boden mehr unter den Pfoten hatte, unter Wasser zu drücken. Aber der Terrier wehrte sich. Er schüttelte sich und schnappte wie von Sinnen nach Keno, der begriff, dass dies für ihn ein Kampf auf Leben und Tod war. Beide Gegner rangen verbissen miteinander.

Keno spürte nicht, dass der Terrier ihm das Fell und die Haut an den Flanken aufschlitzte, er spürte nicht, wie seine Kräfte nachließen, er spürte nicht, wie er langsam immer weiter nach unten glitt und dem Hundegebiss gefährlich nah kam. Erst als der Hund laut aufheulte und vor Schreck erstarrte, brachte sich Keno mit einem weiten Satz weg von dem Hund in Sicherheit. Der Terrier gab auf. Er zog sich auf den Brunnenrand hoch, sprang runter und verschwand in der Dunkelheit. Keno spuckte angewidert ein großes, knorpeliges Stück Hundeohr aus.