Paula sieht dem Auto nach, bis es von der Dorfstraße verschluckt wird. Erleichtert dreht sie sich um und geht ins Haus.

Als sie die Treppe zu den Schlafzimmern hochsteigt, sieht sie auf der obersten Stufe ihre halb geleerte Kaffeetasse und setzt sich wieder daneben. Stützt die Arme auf die Knie, legt den Kopf in beide Hände.

So hat sie vor etwa einer Stunde auf Hannes gewartet, sicher, dass er sie suchen würde.

Hannes, denkt sie. Das wird bleiben von diesem Abschied, dass sie ihn in Gedanken wieder Hannes nennt, wie früher.

Irgendwann hatte sie ihn dann unten auf dem Holzboden der Diele gehört und sich vorgestellt, wie er den Koffer hochhob, um sein Gewicht zu prüfen. Wie er die Tasche mit Büchern und Schreibzeug noch einmal öffnete und hineinsah, den Beutel mit Proviant befühlte. Er wartete darauf, dass sie herunterkommen und ihr Gepäck zu dem seinen stellen würde. Stattdessen saß sie reglos auf der obersten Treppenstufe, starrte aus dem gegenüberliegenden Fenster, wo hinter einem Stück Kirchturm Schönwetterwolken vorbeizogen, und fragte sich, ob sie feige war. Wie die Ehefrauen, die mit dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung warten, bis der Mann ein paar Tage verreist ist. Aber zum einen waren sie kein Ehepaar. Zum anderen sagte sie es ihm ja vorher, wenn auch im letzten Moment.

Unbestimmte Befürchtungen hatten sie zurückgehalten. Dass aus der Entscheidung, ihrem bisherigen Leben den Rücken zu kehren, so etwas wie eine Frage um Erlaubnis werden könnte, wenn sie es ihm sagte. Oder dass das Wunder, dem sie mit schlafwandlerischer Sicherheit folgte, sich unter seinem Blick in eine Versuchung des Teufels verwandeln würde. Und er müsste sich dann anstrengen sie zu retten. Wie er alle rettete, die sich seinem Rat und Urteil anvertrauten.

Sie weiß, dass er jetzt im Auto sitzt und in den Urlaub fährt.

Aber sie hört ihn wieder die Treppe hochkommen, während sie weiter aus dem Fenster sieht, spürt, dass er sie entdeckt hat, reißt sich von den Wolken los und wendet sich ihm zu.

Er steht etwas unter ihr und nimmt schweigend seine Brille ab, als müsste er sich daran festhalten. Die Geste rührt sie, weil sie sein Gesicht schutzlos macht und die Unsicherheit, die er verbergen will, offenbart.

Es muss ihm vollkommen verrückt vorkommen, seine vernünftige Schwester unmittelbar vor der Abfahrt in die Ferien bewegungslos auf der Treppe sitzen zu sehen.

Wo ist dein Gepäck?“, fragt er, während er auf die nächst höhere Stufe tritt und die Brille wieder aufsetzt. „Ich trag’ es dir runter.“

Ihre Gesichter sind jetzt auf gleicher Höhe.

Mutters Augen, denkt sie, dunkel und erschreckend nah. Die blonden Haare, auch von ihr, sind durch die Jahre zu einer grauen Tonsur geworden. Sein Atem riecht nach Pfefferminzbonbons, von denen er sich nach jedem Essen eins in den Mund steckt. Überrascht bemerkt sie, dass die Bartstoppeln auf Wangen und Kinn weiß geworden sind. Früher lag ein rötlicher Schimmer auf seiner Haut, wenn die Rasur nicht mehr frisch war.

Aus solcher Nähe sehen sie sich sonst nicht an. Wahrscheinlich treten ihre Sommersprossen auf Nase und Wangen deutlich hervor, die Falten um Augen und Mund. Sicher hat er bisher nicht bemerkt, dass es schon so viele sind. Ihr fällt ein, dass sie ihr rotes, krauses Haar offen trägt, wie manchmal in letzter Zeit, und dass er das nicht mag. Sein Problem, denkt sie und blickt ihm geradewegs in die Augen. „Ich fahre nicht mit“, sagt sie und wendet sich erneut der Aussicht zu.

Sie hatte nicht mit ansehen wollen, wie er um Fassung rang, sie wieder fand, kühl und unnahbar wurde. Das kennt und hasst sie.

Warum nicht?“, hatte sie ihn fragen hören, kurz in sein mühsam beherrschtes Gesicht gesehen und dann auf ihre Hände, die ruhig in ihrem Schoß lagen. Kräftige Hände, gebräunt vom vielen Fahrradfahren.

Ich gehe mit Lena nach Berlin“, hatte sie auf ihre Hände hinab gesagt, und während sie jetzt in kleinen Schlucken den kalten Kaffee trinkt, denkt sie überrascht, dass das eine gute Formulierung war. Fahren hätte sich nach Wiederkommen angehört.

Der Himmel im Fensterausschnitt ist jetzt wolkenlos blau.

Er hätte es wissen können. Seit das Gerücht entstanden war. Seit seiner idiotischen Reaktion darauf. Wenigstens hatte er auf der Treppe sofort begriffen, dass es ihr ernst war. Sie konnte es an seiner Haltung sehen, den Schultern, die ein bisschen mehr nach vorne hingen als gewöhnlich. Groß, hager und leicht gebeugt ging ihr Bruder Johannes durchs Leben.

Sie hatte das Mitleid bekämpft, das in ihr hochgestiegen war. Diesmal würde sie gut zu sich sein. Das bedeutete, dass sie nicht gleichzeitig gut zu ihm sein konnte.

Was meinst du damit?“, hatte er sicherheitshalber gefragt. Ihr wären dann doch beinahe die Tränen gekommen, als sie geantwortet hatte: „Wenn du aus den Ferien zurückkommst, bin ich nicht mehr hier.“ Und weil er schwieg, hatte sie ein „Ach Hannes“ hinterhergeschickt, die Nase hochgezogen. Hannes hatte sie ihn seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nicht mehr genannt, seit seiner Priesterweihe nicht.

Ihr Anfall von Rührung war vorbei, als er fragte: “Warum hast du nicht eher mit mir darüber gesprochen?“

Sie verstand einfach nicht, dass er einen solchen Satz formulieren konnte. Eine Welle aus Zorn, Trauer und Resignation hatte sie rot werden lassen, dann war das gewohnte Schweigen auf sie gefallen, in das hinein sie das letzte Wort seiner Frage wiederholt hatte: “Gesprochen...“

Er verstand nicht. Sie sah es an seinem Gesicht, den hoch gezogenen Brauen, dem zusammengepressten Mund. Aber er fragte nicht, zog sich sofort zurück, fand sich ab. Er würde Gott sein Leid klagen, seinen Trost bei ihm finden. Er würde ihr auch das verzeihen, was er nicht verstand.

Armer Dinosaurier“, denkt sie.

Dinosaurier hatte Lena ihn zuerst genannt, respektlos wie sie war. “Er ist ein Dinosaurier, kannste nix machen.“

Mein Gott, Lena.


Paula glaubt, dass schon am Morgen ihrer ersten Begegnung eine winzige Verschiebung der Erdkruste stattgefunden haben muss, eine Aufhellung der Atmosphäre, nicht zu messen, aber wirksam. Wieso erinnert sie sich sonst so genau an den Tag?