Während er im Auto überlegte, was wir am Wochenende gemeinsam unternehmen könnten, hatte Lena sich entschlossen, ihre Rivalin anzurufen. Seine Reaktion hatte sie so gekränkt, dass sie nicht einsah, diesen Schmerz allein tragen zu müssen. Sollte ihm doch seine „Chefin“, so bezeichnete sie die Frau, die er Geschäftspartnerin nannte, einen schönen Empfang bereiten. Sie rief im Puff an und teilte Magda mit, wohin sie gehen sollte, falls es sie interessiert, mit wem Paul sie beide betrügt. Sie sagte: „Es ist eine solide Tresenschlampe, bei der er jeden Abend wie ein Freier abhängt.“ Während die Angerufene durch Pöbeleien davon ablenken wollte, dass die Information sie verletzte, schmiedete sie schon einen Plan.

Sie informierte die anderen Mädels über das, was ihr zugetragen worden war. Alle zeigten sich solidarisch, der Puff wurde geschlossen und sie saßen gemeinsam eine Stunde später bei mir am Tresen. Als sie ihre Bestellung aufgaben, war ich guter Dinge. Ich glaubte, an diesem Abend einen guten Umsatz zu machen und ordentliches Trinkgeld zu bekommen. Einige von ihnen kannte ich bereits vom Sehen. Ob in Begleitung ihrer Zuhälter oder allein, Huren waren mir die liebsten weiblichen Gäste. Sie strahlten immer eine gewisse Bescheidenheit aus. Die von mir bisher gemachten Erfahrungen sollten sich aber sehr schnell ändern. Eine von ihnen (ihr fehlte ein Zahn) guckte mich unentwegt böse an. Sie bestellte sich Cola Rum mit Eis. Als ich ihr das Glas hinstellte, nahm sie das Eis aus dem Glas und warf es hinter den Tresen. Sie behauptete, kein Eis bestellt zu haben. Ich war mir sicher, dass sie log, brachte ihr aber kommentarlos ein neues Glas. Mir wurde schnell bewusst, als ich in die Gesichter der anderen Huren schaute, dass sie alle auf Krawall gebürstet waren. Nachdem die Zweite von ihnen „versehentlich“ ihr Glas umstieß und mich aufforderte, den Dreck wegzuwischen, wurde ich leicht ungehalten. Ich nahm einen Lappen und schob die Flüssigkeit in ihre Richtung. Sie schrie, als hätte ich ihr eine Vogelspinne auf den Schoß gesetzt.

Genau in dem Moment stand mein Chef hinter mir und sagte, es würde mich jemand am Telefon sprechen wollen. Ich war überrascht, dass er nicht Carinas Namen aussprach. Wer sonst sollte mich in dem Lokal anrufen? Durch den Anruf zunächst der brenzligen Situation entkommen zu sein, stimmte mich froh. Vielleicht hat die schreiende Kuh sich in der Zwischenzeit beruhigt, dachte ich. Paul war am Telefon, um mir die freudige Nachricht seiner unerwarteten Rückkehr mitzuteilen. Er rief aus einer Kneipe an, die nicht mehr als hundert Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt war. Ich hoffte, dass die blöden Weiber sich bis zu seinem Erscheinen verpisst hätten. Als ich zwecks Aufnahme einer Bestellung wieder vor ihnen stand, schrie mich die „Nassgewordene an: „Du alte Haushaltsfotze, das hast du doch mit Absicht gemacht. Hast du eine Ahnung, was der Rock gekostet hat?“ Es interessierte mich nicht im Geringsten, was sie für den Fummel bezahlt hatte. Ich grinste sie an und sagte: „Bring mir die Rechnung von der Reinigung, dann kriegst du die Kohle zurück.“ Meine Antwort schien sie beeindruckt zu haben, zumindest hielt sie die Klappe. Die mit der Zahnlücke bestellte erneut eine Cola Rum und brüllte lautstark hinter mir her: „Ohne Eis, du alte Haushaltsfotze.“ Mir gefiel dieses Wort, das ich kurz hintereinander zweimal gehört hatte, überhaupt nicht.

Noch weniger gefiel mir, dass sie mich so nannten. Als ich ihr das Getränk brachte, hielt sie mich am Arm fest. Der Griff war sehr unangenehm, weil sie dabei ihre Fingernägel in meine Unterarme bohrte. Der Schmerz erschütterte mich weniger als das, was sie zu mir sagte: „Wenn du die Finger nicht von Paul lässt, kommen wir jetzt jeden Abend.“ Ich riss mich aus ihrer Umklammerung und brüllte sie an, dass es sie einen Scheißdreck anginge, bei wem ich meine Finger hätte. Aus den Augenwinkeln hatte ich längst wahrgenommen, dass einigen Männern gefiel, was sie sahen. Besonders jene, die ich immer verhöhnt hatte. Ich war geschockt, als sie mir sagte, dass Paul ihr Kerl sei und es sie eine Menge anginge. Der Barkeeper kam, um sich zu erkundigen, ob ich Probleme hätte. Ich verneinte, weil es mir peinlich vor den anderen Gästen gewesen wäre, auf Hilfe angewiesen zu sein.

Mein Chef kam und forderte mich auf, kein Theater zu machen, das sei die Frau von Paul und er wolle mit den beiden keinen Stress haben, sagte er. Die Frau von Paul, die müsste doch älter sein, dachte ich. Außerdem schaffte die nicht an. Meine Gedanken überschlugen sich, bis ich ganz allmählich begriff, dass sie Magda, seine Geschäftspartnerin, war. Mich ekelte bei dem Gedanken, dass er mit diesem Miststück das Bett teilte. Mein Chef glaubte, die Situation glimpflich ausgehen lassen zu können, wenn er den Mädels eine Flasche Krim spendierte. Sie verwandelten sich bei seinem Vorschlag augenblicklich in kleine sanfte Lämmer und beschwerten sich, wie unfreundlich die Bedienung (ich) sei. Das ging mir zu weit. Ich wurde bedroht und mein Chef spendierte den Weibern eine Flasche Sekt, stellte ihnen sogar persönlich noch Salzstangen und einen Käseigel auf den Tresen. Nicht nur das, er forderte mich in ihrer Gegenwart auf, mich bei ihnen zu entschuldigen. Ich stellte mich vor „Pauls Frau“ und sagte: „Ich glaube, es wird Paul nicht gefallen, dass du mich anbaggern willst. Er ist sehr eifersüchtig und wird dir bestimmt auf die Fresse hauen, wenn ich es ihm erzähle.“ Ich habe bis heute keine Ahnung, weshalb ich das sagte, kann mich aber noch genau an das Gefühl erinnern, wie sie versuchte, mein Gesicht in den Käseigel zu drücken. Ich spannte meine Halsmuskulatur an und versuchte gegen den Druck ihrer Hände anzuarbeiten. Die wahnsinnige Angst davor, die Zahnstocher, auf denen die kleinen Käsewürfel aufgespießt waren, könnten in meine Augen dringen, verlieh mir enorme Kräfte. Genau in dem Moment, als ich spürte, dass mich meine Kräfte verließen und ich nicht mehr lange Widerstand würde leisten können, fiel ihre Hand von meinem Hinterkopf. Langsam begab ich mich in eine aufrechte Haltung und konnte kaum glauben, was ich sah. Paul hatte sie vom Barhocker gehauen. Er riss sie vom Boden hoch und „begleitete“ sie schubsend zum Ausgang. Im Gehen drehte er sich zu mir um und sagte: „Ich komm morgen und bezahl die Rechnung.“ Als Paul und seine „Geschäftspartnerin“ die Diskothek verlassen hatten, bezahlten die verbliebenen „Mädels“ kleinlaut ihre Rechnung. Der mit dem beschmutzten Rock sagte ich noch, sie möge nicht vergessen, mir die Rechnung vorbeizubringen. Sie schaute mich an und sagte lediglich: „Vergiss es!“ Am nächsten Tag kam die resolute Puffmutter und bezahlte Magdas Zeche. Obwohl sie keineswegs unfreundlich war, verzichtete ich darauf, zu fragen, warum sie an Stelle von Paul kam. Tagelang wartete ich auf ein Lebenszeichen von ihm.