Als Boris seinen Kopf hob wurde ihm furchtbar schwindelig. Er lag auf dem Boden. Die Fliesen unter ihm fühlten sich kalt an. Sein Körper dagegen brannte wie Feuer an den verschiedensten Stellen und er fühlte sich schwach und hilflos. Die Sonne strahlte hell in den Raum, reflektiert durch den Schnee, der vor den großen Fenstern lag, die die gesamte Außenwand zierten. Als er mühsam versuchte den Würgereiz zu unterdrücken, der ihn in Wellen überlief, und dafür tief durch die Nase einatmete, nahm er den Geruch von verkohltem, angebranntem Fleisch wahr.

Mühsam versuchte er sich zu erinnern, was passiert war. Das erste was ihm wieder einfiel, war die spärlich bekleidete Frau aus der Bar, die ihn und die anderen in diesen Raum gebracht hatten. Und er erinnerte sich genau an den Moment, in dem er bemerkt hatte, wo er tatsächlich gelandet war. Er hatte Erzsébet sofort erkannt. Auch wenn sie damals, als sie mit Alejandro zusammen gewesen war, deutlich besser ausgesehen hatte.

Erschöpft sah er durch den Raum. Als sein Blick auf den leblosen Körper fiel, stieg ein Schrei in seiner Kehle hoch. Der Kleine lag leblos in einer Ecke lag. Sein Kopf war unnatürlich abgewinkelt und auch auf die Entfernung von mehreren Metern konnte er sofort erkennen, dass er tot war. Kein Schlaf, keine Bewusstlosigkeit. Er war tot. Sein sonst so braunes Gesicht war aschgrau, die ehemals türkisfarbenen Augen hatten jetzt die Farbe von Rauchquarz – genau wie seine voll ausgefahrenen Fänge – und waren vor Entsetzen geweitet. Boris versuchte auf allen vieren zu ihm zu krabbeln, bemerkte dann jedoch, dass etwas auf ihm lag.

Gequält aufstöhnend drehte er sich um. Die Frau, die sie gestern aus der Bar abgeschleppt hatte, lag halb auf ihm. Die nackte Haut ihres schlanken Rückens war von großen Brandblasen übersät. Sie stank wie ein zu scharf angebratenes Steak. Als er sie von sich schob, merkte er dass sie darüber hinaus ihren Kopf verloren hatte, der durch die Bewegung von ihm einen halben Meter von ihr weg­rollte. Wieder musste er einen Würgereiz unterdrücken. Als er sich mehrere Minuten später endlich von ihr befreit hatte und vorwärts kroch, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Verdammt, warum waren sie mit ihr mitgegangen.

Jetzt war im Haus alles ruhig. Weder Erzsébet noch die anderen Frauen waren in der Nähe, wenn man einmal von der Toten ein paar Meter neben ihm absah. Kraftlos suchte er seine Klei­der zusammen und zog sich an. Obwohl er nichts mehr wollte, als so schnell als möglich von hier abzuhauen, brauchte er eine Ewigkeit um alleine seine Hose anzuziehen. Sein Handy fiel aus der Tasche. Verdammt, es war ausgeschaltet. Seine Hände zitterten, als er es aufschob und er konnte das Tastenfeld bei der Eingabe der PIN fast nicht mehr erkennen. Mehrmals musste er die Kurzwahl neu ein­geben, weil er die Tasten nicht richtig erwischte.

Der Schweiß rann ihm in Strömen über sein Gesicht. Seine Mus­keln verkrampften sich und schmerzten unendlich. Als er sich kurz über das Gesicht wischte, um etwas klarer zu werden, stellte er fest, dass er aus Mund und Nase blutete. Upas tieute. Sie hatten ihn mit Upas tieute vergiftet, genau wie Alejandro. Erneut versuch­te er Arslan zu erreichen. Er wandte seine gesamte Energie auf, um die Kurzwahl einzugeben.

Hallo?“

Arslans Stimme dröhnte aus dem kleinen Mobiltelefon und hallte seltsam in seinen Ohren. Boris flüsterte seinen Namen. Was ihn unendlich viel Kraft kostete. Er atmete schwer, hustete Blut und stöhnte vor Schmerzen.

Boris? Bist du das? Was ist los? Ist Nathan bei dir?“

Boris hörte die Worte, aber sein Verstand war nicht mehr in der Lage, sie entsprechend umzusetzen. Er wollte etwas sagen, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr, nur noch ein Lallen kam über seine Lippen. Das Telefon fiel aus seiner Hand und landete scheppernd auf dem Boden. Die Stimme von Arslan wurde leiser, während sich das Rauschen um ihn verstärkte. Mit starren Augen sah Boris auf das Display. In seinem Kopf kreiste nur ein Wort. HILFE. Doch über seine Lippen kam nur noch ein schwaches Röcheln.

Gerade als er sich Schuhe anziehen wollte, kam der Anruf her­ein. Sobald er merkte, dass Boris am Apparat war, aber offensicht­lich nicht sprechen konnte, rannte Arslan los. Seine Socken boten ihm auf dem Marmorboden keinen Halt, er rutschte weg, ruderte wild mit den Armen und konnte sich im letzten Moment gerade noch abfangen, bevor er auf den Boden knallte. Krampfhaft hielt er sein Handy nach oben, damit die Verbindung nicht versehentlich unterbrochen wurde.

Aus vollem Hals brüllte er nach Douglas, was die anderen auch alle ins Treppenhaus lockte. Douglas kaute noch an seinem zweiten Frühstück, als er aus seinem Appartement trat. Als er das Handy ins Arslans Hand erspähte, ließ er den Apfel auf der Stelle fallen und griff danach, um den Standort zu orten. Arslan musste glücklicher­weise nicht viel sagen, denn die Angst um Boris und Nathan schnürte ihm die Kehle zu.

Sam, Alejandro und León drängten sich mit Halil zusammen um den Rechner, während Douglas Finger über die Tastatur flogen. Arslan sank immer noch nach Luft japsend auf den Boden. Seine Knie gaben urplötzlich nach. Boris war wie ein kleiner Bruder für ihn gewesen. Sie waren zusammen aufgewachsen und hatten die Familie mit ihren Streichen mehr als einmal zur Weißglut gebracht. Und jetzt war er in Gefahr, in tödlicher Gefahr. Arslan wusste nicht warum, aber er wusste mit erschreckender Klarheit, dass es so war.

Sobald Douglas den Standort geortet hatte, rasten die Männer in die Tiefgarage und stiegen in einen der dort stehenden Vans. Arslan war nicht gläubig, aber er betete auf der Fahrt pausenlos jedes Gebet, das ihm in den Sinn kam. Die acht Meilen kamen ihm endlos vor. Sie würden zu spät kommen, er wusste es. Sie würden einfach zu spät kommen.

Das Haus sah harmlos aus, wie es in der strahlenden Sonne lag. Von außen wirkte es wie eine Festung, doch Leóns geschickten Fingern hielt weder das große Tor zum Grundstück noch die Ein­gangstür allzu lange stand. Bereits, als sie auf das Grundstück fuh­ren, nahmen ihre überempfindlichen Nasen den Geruch mehrerer Leichen wahr, die sich irgendwo im ersten Stock des Hauptgebäu­des befinden mussten. Als León die Haustür öffnete, empfing sie ein bestialischer Gestank. Vorsichtig sahen sie sich um, in Erwar­tung eines eventuellen Angriffs. Doch alles blieb ruhig.

Im Haus herrschte Sonnenlicht vor, das durch Oberlichter her­einfiel. León schoss durch den Kopf, dass dieses Licht sie schwä­chen würde und betete kurz, Erzsébet und den Wesen, mit denen sie sich umgab, nicht ausgerechnet jetzt über den Weg zu laufen. Sie würden sich nur unzureichend wehren können, bei diesem Sonnenlicht.

In der Küche fanden sie die Leiche eines Mannes. Vermutlich die des Fahrers des in der Einfahrt stehenden Taxis. Über die Küche erreichte man den ersten Stock. Langsam gingen sie die Treppe nach oben. Das Bild das sich ihnen dort bot, war abstoßend. Ein Mann und eine Frau lagen im einen Schlafzimmer, während ihre beiden Kinder in den anderen Zimmern lagen. Alle waren vor ihrem Tod gefoltert worden, so wie sie aussahen, über mehrere Tage und eventuell auch danach. Der Geruch war bestialisch. Die Toten lagen dort schon mindestens eine Woche. Sie schwärmten aus und kamen an die Rückfront des Hauses. Von einer Galerie konnten sie in das darunter liegende Wohnzimmer sehen. Arslan war der Erste der dort ankam und in den durch die große Fensterfront, die sich bis hinauf zum Dach zog, sonnendurchfluteten Raum blickte.

Der Raum war riesig und zumindest im vorderen Bereich leer. Dann jedoch erstarrte Arslan, dessen Befürchtungen sich in genau diesem Augenblick bewahrheiteten. Ohne auch nur in Erwägung zu ziehen die Treppe zu benutzen, sprang er über das Geländer der Galerie und landete einen Stock tiefer in der Hocke. Bei seiner Lan­dung verletzte er sich an einem niedrigen Glastisch, der unter der Wucht seines Aufpralls einfach zersplitterte.

Ohne weiter darauf zu achten, sprang er auf und lief zu dem leblosen Körper. Er hatte recht behalten. Boris war tot. Und als er den zweiten Etanaer erblickte, blieb ihm fast das Herz stehen. Er sank zu Boden, die Hände zu Fäusten geballt, die Augen aufgeris­sen. Seine Venen an Hals und Stirn und den Armen traten unnatür­lich hervor und seine Fangzähne schossen aus ihren Ruhepositio­nen, während er verzweifelt Luft holte.

Durch den Lärm des zersplitternden Tisches alarmiert tauchte Alejandro wie aus dem Nichts neben ihm auf und riss ihn zurück, als er ohne Handschuhe nach den beiden Toten greifen wollte. Auch ihm fehlte die Luft zum Atmen. Auch sein Herz hämmerte schmerzhaft gegen seinen Brustkorb. Schmerzhaft langsam. Er hatte das Gefühl, als ob es jeden Moment stehen bleiben würde.

Halil und Sam stürzten zu ihnen und kamen schlitternd neben ihn zu stehen. Entsetzt sahen sie auf das Bild das sich ihnen bot. Beide hatten sie angenommen, dass die Szenerie oben nicht zu überbieten war. Doch als sie jetzt auf die beiden Toten im Wohn­zimmer blickten, breitete sich das Entsetzen auch in ihnen aus. Beide sanken wie Arslan auf die Knie. Doch während sie spontan ihren Schmerz über den Verlust aus sich hinaus brüllten, wirkte Arslan seltsam erstarrt. Kein Laut drang über seine Lippen, obwohl auch sein Mund zu einem Schrei geöffnet war. Und Sam stand kraftlos an der Wand gelehnt. Ihm drehte sich permanent der Magen um, wenn sein Blick auf die beiden Toten fiel.