Kai und der Ponyhof


1. Kapitel Das schönste Geburtstagsgeschenk



Geschafft! Endlich Ferien!

Der blonde sommersprossige Kai nimmt seinen bunten Schulranzen und läuft fröhlich von der Schule nach Hause.


Kai denkt seit einigen Wochen nur noch an Schneeflocke.

Die Ponystute ist trächtig und soll in den nächsten Tagen ihr erstes Fohlen zur Welt bringen. Schneeflocke lebt mit vielen anderen Ponys und Pferden auf dem Reiterhof seines Onkels.

Der kleine Junge verbringt jede freie Minute im Stall und reitet auch schon sehr gut.

Eigentlich ist ein braunes Pony namens Lonzo sein augenblicklicher Begleiter, denn

Kai springt gerne mit Lonzo über kleine Hindernisse. Aber sein Lieblingspony ist und bleibt Schneeflocke.

Sie ist eine ganz weiße Schimmelstute und wie er, immer zu Streichen aufgelegt.

Sein Onkel hat ihm zum Geburtstag eine Überraschung versprochen.

Und morgen ist es soweit. Kai wird neun Jahre alt.


Er beeilt sich und ist zehn Minuten später schon zu Hause angekommen.

Seine Mutter hat ihn bereits erwartet. Sie öffnet die Tür, bevor er auf den Klingelknopf drücken kann.

Hallo Kai, nah du hast es aber eilig! Ist dein Zeugnis so gut? Du willst sicher gleich zu Schneeflocke?“ Sie lächelt ihn freundlich an.

Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch. Es gibt Frikadellen und Stampfkartoffeln, das isst Kai für sein Leben gern.

Hast du denn schon etwas von Onkel Jochen gehört?“ fragt er die Mutter.

Nein, aber wenn du gegessen hast, darfst du gleich hinfahren.“

Sie streicht ihm zärtlich über die hellblonden Locken.

Darf ich dein Zeugnis mal sehen, ich bin schon ganz neugierig?“

Frau Thomsen sieht ihren kleinen Sohn erwartungsvoll an.

Natürlich, es ist in meinem Schulranzen.“ Kai stopft sich noch schnell den letzten Bissen Kartoffelbrei in den Mund.

Dann nimmt er seine Büchertasche und zieht das Zeugnis heraus.

Es ist sehr gut. Ich habe nur Zweier und sogar eine Eins im Rechnen“, sagt er stolz.

Einen Augenblick später ist er mit dem Essen fertig und läuft in sein Zimmer, um seine Reithosen und die Chaps anzuziehen.

Dann holt er sein Fahrrad aus der Garage, ruft seiner Mutter noch einmal „Tschüss“ zu und ist schon im nächsten Moment verschwunden.


Es ist nicht weit bis zum Reiterhof und als Kai auf den Stall zufährt, kommt ihm sein Onkel entgegen.

Hallo Onkel Jochen, wie geht es Schneeflocke? Ist das Fohlen schon da?“

Der blonde schlanke Mann in den braunen Reithosen und dem hellen gelben Hemd lacht. Er kommt gerade von der Weide und trägt einen blauen Werkzeugkasten in der Hand. „Nein, aber geh nur in den Stall. Nachher kannst du Lonzo satteln.

Ich gebe dir eine Stunde Unterricht.“


Kai rennt in den kleinen Ponystall.

Schneeflocke steht in der Abfohl Box. Sie hat einen ganz dicken Bauch und wiehert ihm erwartungsvoll entgegen. Kai nimmt einige Leckerli aus der Hosentasche und streichelt liebevoll ihren Hals. Die Stute schnaubt zufrieden. Er bleibt noch eine Weile bei ihr.

Als zwei junge Mädchen kommen und ihre Pferde für die Reitstunde satteln wollen, geht auch Kai zu Lonzo und führt ihn aus der Box. Mit dem Führ strick bindet er den Wallach an einen der Pfeiler.

Lonzo ist manchmal sehr frech zu seinen Reitern und buckelt gerne.

Wenn die kleinen Jungen und Mädchen ihn dann nicht sicher aussitzen und ihr Gewicht ausgleichen können, fallen sie sehr schnell herunter.

Kai hat sich bisher gut gehalten und sich immer durchgesetzt.


Er nimmt den Striegel und beginnt von der linken Halsseite ausgehend das Fell zu putzen. Lonzo wälzt sich oft auf der Weide und sieht dann leider immer entsprechend aus. Nach zehn Minuten hat Kai auch die helle Mähne einmal durchgekämmt und die Hufe ausgeräumt. Er holt den Sattel und das Zaumzeug aus der Sattelkammer.

Lonzo muss ein Martingal über dem Hals tragen. Es wird unten am Bauch mit einer Schlaufe über den Sattelgurt gezogen.

Das kleine freche Pony schlägt gerne beim Springen mit dem Kopf und der Hilfszügel hindert es daran. Zum Schluss holt Kai noch die Gamaschen und die Sprungglocken für die Vorderbeine aus seinem Schrank. Er geht einmal ganz um sein Pferdchen herum und legt die schützenden Gamaschen oberhalb der Fesseln um jedes Bein.

Lonzo soll sich ja nicht weh tun, wenn er mal an ein Hindernis stößt.


Ein paar Minuten später sind Ross und Reiter fertig für die Unterrichtsstunde.

Kai schiebt noch eben seine kleinen Sporen über die Stiefeletten und hätte beinahe wieder seinen Helm vergessen. Dass ist eigentlich beim Reiten das Wichtigste. Immer muss ein Helm mit einer Dreipunktbefestigung auf dem Kopf sitzen!

Onkel Jochen achtet sehr streng darauf, dass die Kinder und auch die erwachsenen Reiter auf dem Hof diese Regel einhalten. Die Unfallgefahr ist sonst einfach zu groß.


Dann verabschiedet sich Kai von Schneeflocke und führt Lonzo in die Springbahn.

Er zieht die Zügel durch die Martingal Ringe und lässt die Steigbügel herunter.

Lonzo will wieder nicht artig stehen bleiben und läuft um Kai herum.

Der fasst in die wuschelige Mähne und schwingt sich im nächsten Augenblick von der linken Seite auf den Rücken des kleinen Frechdachses.


Am langen Zügel darf Lonzo erst einmal zehn Minuten Schritt gehen.

Die Muskeln und Sehnen müssen aufgewärmt werden.

Auch Kai muss sich erst lockern und dehnen, bevor er mit dem Sportunterricht beginnt. Das hat er schon in der Schule gelernt. Abreiten kann er Lonzo natürlich allein.

Er gurtet noch einmal nach und nimmt dann langsam die Zügel auf.

Dann trabt er an. Erst geht es ganze Bahn, dann durch die Bahn wechseln, auf dem Zirkel geritten und aus dem Zirkel wechseln.

Kai kennt die Bahnfiguren aus den Reitstunden mit Onkel Jochen.

Im letzten Jahr hat er schon das Kleine- und das Große Hufeisen gemacht.

So nennt man die Motivationsabzeichen, durch die Kinder die ersten Grundlagen über Pferde und Pferdehaltung lernen sollen. In den Sommerferien will Kai auch seinen Basispass machen.

Wenn er den hat, kann er sich zum Reitabzeichen Lehrgang anmelden und dann wird es ernst. Er möchte bald mit Lonzo das erste E-Springen nennen und mit ihm an Turnieren teilnehmen. Vorher muss er aber noch sehr viel üben und bei seinem Onkel trainieren. Er galoppiert einige Runden und pariert wieder zum Trab durch.

Lonzo muss sich lösen und dabei langsam an das Gebiss herantreten.

So hat es ihm der Onkel erklärt. Kai spürt auch, wann Lonzo bereit ist.

Er wird ganz weich und leicht in der Hand, wie die Reiter sagen.

Erst dann dürfen sie über die kleinen Hindernisse springen.


Onkel Jochen ist sehr zufrieden. Kai sitzt gut und Lonzo macht willig mit.

Der 1,38m kleine braune Wallach hat anscheinend richtig Lust mit Kai über die Hindernisse zu fliegen. Ein paar mal gibt Herr Asmussen seinem Neffen Anweisungen, aber der Parcours scheint für die beiden kein Problem zu sein.

Schnell ist die Stunde zu Ende und Kai reitet seinen Lonzo trocken.

Die Reitstunde endet im Schritt genauso ruhig wie sie begonnen hat.


Dann bringt er Lonzo in den Stall, sattelt ihn ab und räumt wieder die Hufe aus.

Das ist wichtig, denn es dürfen sich dort keine Steinchen festsetzen. Die würden dann drücken und eine Lahmheit auslösen. Mit einer Bürste raut Kai dann noch einmal die Sattellage auf. Kein Pferd braucht Satteldruck zu bekommen.

Auch das hat ihm der Onkel ans Herz gelegt. Druckstellen sind stets ein Zeichen dafür, dass der Reiter nicht aufgepasst hat.

Kai bringt seinen treuen Freund in die Box und legt ihm auch noch etwas Heu vor.

Zufrieden und dankbar beginnt Lonzo daran zu knabbern.


Nun hat Kai endlich Zeit für Schneeflocke.

Der kleine Junge räumt nur noch seinen Sattel weg, wäscht die Trense aus und putzt die Gamaschen. Als alles wieder an seinem Platz liegt, nimmt er sich Schneeflockes Putzkasten und beginnt, die hübsche kleine Stute zu bürsten.

Sie ist ein Deutsches Reit Pony und war früher einmal mit seiner großen Cousine in der Dressur sehr erfolgreich.


Als es Abend geworden ist, läuft Kai zu Onkel und Tante ins alte Bauernhaus.

Er möchte so gerne hier bleiben und über Nacht im Stall schlafen, damit er dabei ist, wenn das Fohlen kommt. Onkel Jochen und Tante Monika, die gerade am Küchentisch die Bohnen schnippelt, lachen. Natürlich haben sie nichts dagegen. Aber nur, wenn es die Mutter erlaubt. Kai darf telefonieren und weil sein Zeugnis so gut ist, gibt auch seine Mutter ihr Einverständnis. Aber sie sagt, er muss unbedingt Tante Monika gehorchen! Kai verspricht alles, wenn er doch nur bei Schneeflocke bleiben darf.


Um halb zehn Uhr kuschelt er sich mit einer warmen Decke in die leere Box neben Schneeflocke ins Stroh. Die Ponys schnauben und knabbern an ihrem Heu. Kai fallen bald vor Müdigkeit die Augen zu. Es ist ganz dunkel geworden und nur der Mond schaut zu dem kleinen Jungen durchs Stallfenster in den Pferdestall hinein.

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