Aus ADRIAN



Wenn Adrian loslegt, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Adrian be­gegnet man nicht, Adrian tritt nicht in Erscheinung, von Adrian wird man überwältigt. Adrian kann über­all und jederzeit plötzlich da sein. Meist taucht er auf, wenn ich im Kaf­feehaus sit­ze, doch öfters über­fällt er mich auch zu Hause. Dann beginnt er, übergangslos, ohne eine Einlei­tung, mit seiner Predigt und ich höre wehr­los zu. Ich habe mir angewöhnt, seine Monolo­ge zu rekon­struieren, sie zu Papier zu bringen. Adrian selbst würde dies nie tun, es läge unter seiner Würde. Wie aber schafft Adrian seine Extempores?


Der aufrechte Gang


Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Adrian aber beginnt so:


Der nackte Affe bildete sich plötzlich ein, aufrecht gehen zu müssen. Wahrscheinlich hatte er schon vorher die Sprache erfunden. Einer seiner ersten sprachlichen Gedanken, andere gibt es ja nicht, musste der gewesen sein: „Ich will!“ Und seine erste formulierte Angst: „Ich kann das nicht.“

So stand er auf einmal aufgerichtet da und bewegte sich mit viel Mühe in der Land­schaft he­rum. Im Was­ser, beim Fischen mit bloßen Händen war das noch ziemlich ein­fach. Nach vielen Fehlversuchen gelang es ihm dann auch im Trockenen. Als er aber begann, schnel­ler zu gehen oder gar zu laufen, merkte er, wie sehr ihm jetzt seine Genitalien im Weg wa­ren, denn der das versuchte, gehörte zur männlichen Hälfte seiner Gattung. Die Zweige schlugen ihm, elas­tisch, aber hart, wie sie waren, auf die Hoden, was ihn sehr schmerzte. Dazu kam die Angst, sein liebs­ter Körperteil, der ihm das größte Vergnüg­en bereitete, könnte beschädigt werden. Genau so muss die Kastrationsangst entstan­den sein, nicht durch einen Ödipuskomplex. Ödi­pus und den gan­zen Fa­milienkram gab es erst viel spä­ter.

Vorher, so auf allen Vieren, wurde sein Gemächt durch die Krümmung seines Körpers, wie bei den anderen Säugetier­en ei­nigermaßen geschützt, als Machtsymbol dürfte er es schon da­mals emp­funden haben. Nur deshalb erfand er die Kleidung, nicht aus Scham. Er band sich einfach ein Fell, Baststreifen oder was er eben vor­fand rund um seine Lenden, um seine wertvollen Teile zu schüt­zen.

Für die Weib­chen war dies kein so großes Problem, ihr Geschlecht war ziemlich gut ge­schützt, wenn auch nicht vor den Männchen. Auch fühlten sie sich am Boden viel wohler. Da unten krabbelt­en ihre Kinder herum, auf allen vieren, so wie auch heute noch. Sie muss­ten sich lange Zeit um die Kleinen kümmern, viel länger als die Tiere rund um sie he­rum. Auch war es, so haben Weib­chen und Männ­chen sehr bald festgestellt, nahezu un­möglich, sich im Stehen zu paaren, das klappte auf allen Vie­ren viel, viel besser. In dieser Hinsicht verging noch einige Zeit, ehe sie sich auch hierfür seltsam Neues einfallen ließen, doch dabei blieben sie dann. Im Allgemeinen.

Die Weibchen verbrachten also noch die meiste Zeit auf allen Vieren, obwohl auch sie be­reits ge­lernt hatten, aufrecht zu gehen. Später würden sie es sein, die die Bewegungen im senk­rechten Zu­stand perfek­tionierten. Sie würden tanzen lernen und vor allem, sich das Gehen mithilfe klei­ner Stel­zen, die sie an den Absätzen ihrer Schuhe be­festigen, noch wesentlich zu er­schweren. Doch bis da­hin sollte noch viel Zeit vergehen.

Die Männchen aber störte es bald, dass sie sich selbst durch ihr „ich will“ sehr einges­chränkt hat­ten, während sich ihre Weibchen ziemlich frei bewe­gen konnten, und so zwan­gen sie sie, es ihnen gleichzutun. Das Patriar­chat war geboren.

Dieser aufrechte Gang, der erste Ausdruck eines freien Willens in der Welt, brachte ih­nen aber al­len ein Problem nach dem anderen ein. Die Wirbelsäule, die Hüftgelenke, die Knie wa­ren dafür ein­fach nicht geschaffen. Die Menschen ermüdeten rasch, wann immer sie zu stehen, zu gehen oder gar zu laufen versuchten. Doch die Furcht vor dem Versagen, vor dem „ich kann das nicht“', machte sie zu Erfin­dern. Sie mussten sich setzen, wenn sie müde waren. Sich wieder auf alle Viere zu begeben, dazu waren sie, inzwischen auch die Weibchen, zu stolz. Tradition be­hauptet sich eben. Sie fühlten sich schon damals dazu auserwählt, ganz an­ders zu sein. Ganz anders als was, das ist ihnen, uns, bis heute noch nicht klar geworden. Doch einfach so zu rasten, wie ihr Körper von selbst auf den Boden fiel, also so wie die ande­ren großen Tiere sich hinzu­strecken, das kam für sie nicht mehr in Frage, das wäre einfach zu ein­fach gewesen. Also hock­ten sie sich nieder. Bequem war das nicht, aber sie konnten sich etwas aus­ruhen. Als ih­nen dann dabei die Beine einzuschlafen begannen, suchten sie nach anderen Möglichk­eiten. Sie kauerten sich auf Steine, auf Baumstämme und was sie sonst noch ähnliches vorfanden. Gelöst ha­ben sie, wir, das Pro­blem bis heute nicht. Den Hocker, dann den Sessel und all seine Variatio­nen ha­ben sie bald erfunden, aber bequem zu sitzen, ohne nach einiger Zeit Rückenschmerzen zu be­kommen, ist ihnen noch immer nicht gelungen.

Das viele Gehen und dann später auch das Laufen machte sie sehr müde. Doch „ich kann das nicht“ kam für sie wieder nicht in Frage. Wie konnten sie sich, oder zu­mindest die Lasten, die sie schleppen mussten, auf weniger kraftraubende Art weiterbewe­gen? Sie erfan­den schlittenar­tige Gebilde, benutzten Tiere als Transportmittel, zuerst nur als Ge­päckträger, später auch als Sitz­gelegenheit, die sie gleichzeitig fortbewegte. Sie ent­deckten, dass Holz am Wasser schwimmt, ein Zu­fall oder Genieblitz ließ einen von ihnen das Rad erfin­den. Die moderne Zivilisat­ion war gebo­ren. Nur ihr Traum, fliegen zu kön­nen, muss­te noch einige Zeit auf seine Er­füllung warten. Ihr Akti­onsradius wurde aber im­mer größer.

Ein großes Problem blieb das Schlafen. Sich einfach auf dem Boden zusammenzurol­len, war ih­nen zu tierisch, auch wenn sie sich schon bald mit Fellen vor der Kälte der Nacht schützen konnten. Den Bodenkontakt waren sie nicht mehr gewohnt, er war ihnen zu hart, zu kühl. So erfanden sie das Bett. Von der ersten Lagerstatt aus getrockne­tem Laub oder Heu bis zum Wasser­bett war der Fortschritt gar nicht so gewaltig, alles be­ruhte auf ei­ner wei­chen, bequemen Un­terlage. Wäre da nicht immer wieder diese verdammt­e Wirbel­säule, die sich einfach an keine einzi­ge der Stellungen, die sie ihr zuwiesen, gewöh­nen wollte. Doch an das ei­gene Bett gewöhnten sie sich noch am ehesten, sie durften es nur nicht zu oft wechseln.

Das größte Problem, das sie bis heute auch noch nicht annähernd lösen konnten, war je­doch, wo­rauf sie ihren Kopf beim Schlafen betten sollen. Findest du das nicht auch?


Ich weiß, es ist sinnlos, mit mehr als mit einem unartikulierten 'hm' zu antworten, denn ohne selbst diese kurze, kritische Bemerkung abzuwarten, fährt Adrian schon fort:


Denk nur an all die Vorrichtungen, die unsere Archäologie dafür schon entdeckt hat, an die Na­ckengabeln, an die Nackenbänkchen, an die Nackenrollen aus Holz, später aus wei­cherem Material, an die Daunenkissen, an die Vielfalt und Vielförmigkeit ihrer Nachkömml­inge, die du heute in den Geschäften, in den Hotels, überall vorfindest. Kennst du aber auch nur einen einzi­gen Menschen über vierzig, der nicht mit Nackenschmerzen auf­wacht, wobei es gar keine Rol­le spielt, ob er fast bewegungslos durchgeschlafen oder sich in wilden Träu­men herumge­wälzt hat? Die Wirbelsäule, immer wieder ist es sie, die uns zwingt, für uns Bequemes zu er­finden, nur damit wir nicht wieder auf allen Vieren krie­chen müssen.


Endlich komme auch ich zu Wort:

Du hast sicher Recht, der Mensch denkt und redet sich seine Probleme selbst herbei.“

Adrian nickt zufrieden, trotz seines lädierten Nackens, und verschwindet. Ich glaube nicht, dass er mich wirklich verstanden hat.








Aus ANAKONDA



Ich erinnere mich an das erste Zusammentreffen mit Nora. Es war im Mai, ich glaube vor vier Jah­ren. Dann war ich damals also siebenunddreißig Jahre alt, sie drei­ßig. Selt­sam, mir scheint, dass ich mir viele Details dieser Begegnung ge­merkt habe, ich weiß aber nicht mehr, ohne nachzurechnen, ob es vor drei, vier oder fünf Jahren gewesen ist. Der Ort, ja der Ort ist mir be­kannt, er ist uns, das heißt eigentlich Nora, eine Art Wall­fahrtsstätte geworden. Es war un­möglich, ihn je zu vergessen, ich wurde immer wieder an ihn erinnert:

"Weißt du noch..."

Aber für das genaue Datum fehlen mir die Zusammenhänge. Alles, was damit zusammenh­ing, habe ich vernich­tet, als Nora mich verließ. Ich glaubte, sie dadurch aus meinem Leben aus­löschen zu kön­nen, wenn ich nur alle ihre Spuren beseitigte. Aber wie beseitigt man Er­innerungen und Gefühle, vor allem Erinnerungen an Gefühle, so unbestimmt diese auch sein mö­gen?

Uns Männern wird oft vorgeworfen, sehr oberflächlich zu sein. Und doch ist es gera­de die Oberfläche, woran wir uns am wenigsten erinne­rn. Was aber darunter liegt, was wir gar nicht mehr zuordnen können, das bleibt, unbestimmbar, aber tief in unse­rem Sonnenge­flecht eingraviert, oft auch eine Spanne darunter, für ewig erhalten. Oder eben für den Zeit­raum, den wir für ewig hal­ten. Bis dann eine neue Ewigkeit beginnt, die allmählich und oft mit pein­lichen Übergän­gen die alte zudeckt.

Ich glaube, bei Frauen ist dies anders. Gerade die Oberfläche, die De­tails, so unwichti­ge Einzelheit­en wie das Datum bestimmter Ereignisse, Orte, wo etwas geschehen oder, noch schlim­mer, nicht geschehen ist, und vor allem Namen, Namen von Personen, die für uns über­haupt keine Rolle mehr spielen, die nur noch schattenhaft unserem Gedächtnis Strei­che spie­len, na­türlich immer im fal­schen, im unpassendsten Moment. Namen von Orten, Melo­dien, Perso­nen, Far­ben, der Wort­laut von Ge­sprächen, die alle für uns nur Funktionen der Ereignis­se waren, für Frauen je­doch ihr unverzicht­barer Bestandteil. Was wirklich, ab­seits der Begleit­umstände damals ent­standen oder vergangen ist, das hat für sie nicht die gleiche Bedeutung wie für uns. Warum also be­zeichnet man gerade uns Männer, be­zeichnet man mich als oberflächlich?

Woran erinnere ich mich?

An einen stechenden Schmerz, als mich ihr Blick traf, der mich im Au­genblick süchtig mach­te, an die Ratlosigkeit, wo an ihrem herrlichen Körper meine Augen Rast ma­chen soll­ten, um diesem Blick zu entgehen, wie diese Versuche ratlos in einer beginnenden Erektion scheiterten, an dem gänzlichen Versagen, auch nur ein sinnvolles Wort heraus zu stammeln, und sinn­voll war in diesem Augenblick nur, was verhindern konnte, dass sich dieses Wun­der, diese Frau von mir ent­fernte, an die Souveräni­tät, mit der sie die Initiative ergriff und zu mir mit ihrer un­vergleichlichen Stimme, die leise war, aber aus tiefen Ab­gründen herauf zu kom­men schien, sprach:

"Aber die Versionen aus den frühen 90er-Jahren gefallen mir noch besser."

Was meinte sie nur damit? Ich hatte in diesem Au­genblick ganz vergessen, wo ich mich be­fand. Nach, wie mir schien, langen Bemühun­gen gelang es mir, den Blick von ihr zu dem, was man Umge­bung nennt, zurück­zuführen, und auf den Garten von Giverny, auf ein Bild von Mo­net zu richten. Sie sagte dies, als wäre sie vollkommen da­von überzeugt, dass meine sicht­bare, ich hoffte, nicht allzu sichtbare Ergriffenheit sich auf nichts anderes als auf eben dieses Bild be­zog. Das Bild, ich hätte es längst verges­sen, wäre ich nicht immer wieder da­ran erin­nert worden:

"Weißt du noch ..."