Olaf Lahayne: „Blutige Heide“:


Wir kommen hier niemals lebend raus. Er bringt uns alle um!“

Werd hier nicht hysterisch, Elke: Niemand wird umgebracht, klar?“

Ach ja? Warst du es nicht, der vorhin sagte: Nur keine Sorge; nichts wird passieren! Sagtest du das nicht, Hans?“

Da konnte ich Gerd schlecht widersprechen: „Wer sollte denn so etwas ahnen?“

Damit drehten wir drei uns nach dem vierten Mitglied unseres Quartettes um. Noch vor einer Stunde streiften wir unbeschwert durch die Heide – wir, also Gerd, ich, Elke und Cora. Nun aber lag Cora da hinten im Stroh, fast nackt, fast kahl, schrecklich zerschunden, aus mehreren Schnittwunden blutend, beständig zitternd und bedeckt nur von einer groben Decke; etwas Besseres fand sich nicht in diesem schäbigen Stall. Elke eilte nun wieder an die Seite ihrer leise wimmernden Freundin, während Gerd und ich uns schamhaft abwandten. Die Verletzungen waren nur oberflächlich; daran würde sie nicht sterben. Doch der Kerl, der ihr das angetan hatte, war noch da draußen – irgendwo da draußen auf der Heide.

Danke übrigens für die schnelle Reaktion vorhin.“ meinte ich zu Gerd, wie wir wieder nebeneinander durch die Schlitze zwischen den Brettern nach draußen spähten. „Ohne dich...“

Gerd hatte keine Scheu, die Fakten überdeutlich auszusprechen: „Ohne mich wären wir jetzt garantiert alle hinüber!“ schnaubte er. „Du und deine Ideen: Deine verdammten Schnapsideen! ‚Schauen wir doch mal, was er will; das wird bestimmt interessant!’ Oh ja; interessant ist es! Und ich sagte noch: Bleiben wir bei der Gruppe: Besser immer bei der Gruppe bleiben!“

Wie langweilig!“

Langweilig!? Mag sein: Aber Langeweile ist mir lieber als Aufregung von dieser Art hier! Und wenn ich jenen Schlitzer nicht gerade noch umgerannt hätte, ehe er Cora den Rest geben konnte... Ich darf gar nicht dran denken! Das ist alles deine Schuld!“

Ausnahmsweise war ich Elke für ihre Unterbrechung dankbar: „Geht das vielleicht ein wenig leiser!?“

Gerd verstummte; so konnten wir alle Coras schwaches Wimmern hören: „Ich will nach Hause. Bringt mich nach Hause!“

Noch immer zitterte sie unkontrolliert; noch immer hielt sie die Augen geschlossen, als könnte sie dadurch vermeiden, dass auch wir anderen sie in diesem Zustand sehen. Elke versuchte, sie zur Gänze unter der Decke zu verstecken; wie das misslang, warf sie Gerd und mir einen zornigen Blick zu. Und dabei wusste sie noch nicht einmal, wie es wirklich um ihre Freundin stand! Ehe also Elke wieder zu schimpfen begann, wandten wir uns lieber wieder der Umgebung zu – doch zu sehen war niemand.

Ich habe zwei Messer gezählt.“ flüsterte ich dann Gerd zu, damit uns Elke und Cora nicht hörten. „Und die große Schere; klar. Hast du sonst noch eine Waffe bei dem Kerl gesehen?“

Ich bin an was Hartes gestoßen, etwas Metallenes, als ich ihn umgerannt habe; vermutlich hat er noch was in der Tasche: Aber höchstens ein Taschenmesser.“

Könnten wir ihn uns gemeinsam vorknöpfen?“

Du und ich, meinst du? Zu zweit? Gegen den da? Machst du Witze, Hans? Wir können von Glück sagen, dass wir uns in diesen Stall retten konnten! Allein mit dem auf offenem Felde... Und vergiss nicht den Hund: Den hat er inzwischen garantiert losgebunden.“

Ein Schauer überlief ihn, und um ehrlich zu sein: Ich war dankbar, dass er nicht auf meinen Vorschlag einging. „Klar; hast wohl recht. Ist bestimmt auch nicht das erste Mal, dass der Kerl so was anstellt.“

Gerd erschrak; der Gedanke war ihm noch nicht gekommen: „Du meinst, die Geschichten über die Vermissten aus den letzten Jahren... All die Vermissten...“

Klar. Bisher dachte ich, das wären nur die üblichen Gerüchte. Aber jetzt...“

Einige Zeit starrte mich Gerd wortlos an. Endlich spähte er wieder nach draußen: „Meinst du, dass er noch da ist? Dass er sich noch irgendwo da herum treibt?“

Klar. Solang’s noch hell ist, kann uns hier nicht viel passieren: Der Stall ist nur nach vorne offen; über die Heide sehen wir ihn sofort kommen; die paar Wacholder taugen nicht zum Anschleichen, und wir können ihm hinter der Tür auflauern. Aber sobald es dunkel wird...“

Gerd konnte sich den Rest selber ausmalen: „So lange dürfen wir nicht warten: Wir müssen vorher hier weg! Laufen wir doch einfach: Vorhin ging’s doch auch; als wir zum Stall rannten, waren wir doch viel schneller als er. Und so blutrünstig ist der Hund garantiert auch nicht.“

Ein reines Glücksspiel: Hinter jedem Wachholder, in jeder Sandkuhle kann der Kerl lauern – ob mit Hund oder ohne. Außerdem: Es war wohl nur der Schock, dass es Cora bis hier geschafft hat. Glaubst du, sie kann jetzt noch mal um ihr Leben rennen?“

Wieder wandte sich Gerd zu Cora um, die immer noch leise wimmerte. Ich dagegen sah ihn an, und ich sah genau, was er dachte: ‚Cora ist dein Problem; ich und Elke, wir würden es schaffen!’ Vermutlich stimmt das, doch ein Blick von Elke verriet ihm, dass sie ohne Cora ganz gewiss keinen Fluchtversuch unternehmen würde. Ausnahmsweise war ich dankbar, dass sie dabei war...

Ich könnte versuchen, Hilfe zu holen – Hilfe von irgendwo, von irgendwem...“

Auch die Hoffnung musste ich Gerd nehmen: „Ach ja? Und von wo? Die Gruppe ist längst weg, und wer weiß, in welcher Richtung. Stundenlang sind wir nur durch Wald und Heide gestreift; hier waren wir noch nie, und wir wissen ja nicht einmal, wo dieses ‚hier’ überhaupt ist. Bei diesem Wetter ist sonst kaum wer unterwegs, und selbst, wenn du Hilfe findest, selbst, wenn du dich an den Rückweg erinnerst: Bis dahin ist es längst dunkel.“

Einige Augenblicke blickten wir uns ratlos an. Dann begann Gerd von neuem: „Wir könnten...“

Was wir womöglich könnten, erfuhr ich nicht mehr: Denn in dem Moment flog die Tür auf, an der ich lehnte; ich wurde zur Seite geschleudert, sah im Fallen ein Messer aufblitzen und hörte einen markerschütternden Schrei. Dass es Cora war, die geschrieen hatte, begriff ich erst später; zuerst registrierte ich etwas anderes: Der Eindringling attackierte Gerd; mit der Rechten suchte er ihn zur Tür hinaus zu zerren, und in der Linken hielt er das Messer. Cora und Elke kauerten in der Ecke, und mich hatte der Kerl offenbar gar nicht bemerkt, da ich ins Innere des Stalls geschleudert worden war. Instinktiv richtete ich mich wieder auf, und wie sich Gerd für einen Moment von dem Angreifer lösen konnte, rannte ich los. Mit voller Wucht prallte ich gegen die Tür; sie flog krachend zu und beförderte dabei den Angreifer wieder nach draußen; Gerd konnte gerade noch rechtzeitig zurück weichen.

Vorsicht: Er hat noch das Messer!“ mahnte Gerd keuchend, wie ich dann nach draußen spähte. Und tatsächlich, zwei, drei Schritt vor der Tür sah ich, dass der Kerl die Waffe immer noch umklammert hielt. Gleichzeitig lag er aber noch stöhnend am Boden, und erst da bemerkte ich die diffuse Duftwolke, die der Kerl abgesondert hatte, die immer noch im Raum hing und die sogar den Geruch des vermodernden Strohs überlagerte: „Der Kerl hat getrunken. Klar; der ist völlig blau. Kaufen wir ihn uns!“

Ich wollte zur Tür hinaus, aber Gerd konnte sie gerade noch rechtzeitig zuwerfen: Denn im nächsten Moment sprang der Hund des Angreifers kläffend und geifernd gegen die Tür; Gerd hatte ihn von der anderen Seite her heran preschen sehen.

Der Köter beruhigte sich erst, als sich der Angreifer wieder aufrappelte. Ein paar Momente spielte der Kerl wohl mit dem Gedanken, sich wieder gegen die Tür zu werfen, doch überlegte er es sich schließlich anders: Unverständliches Zeugs murmelnd, zog er sich zurück; dabei strauchelte er mehrfach, weil er rückwärts ging und bedrohlich mit dem Messer fuchtelte. Viel hätte nicht gefehlt, und er hätte sich selber verstümmelt; aber wie er schon außer Sicht war, konnte er noch mit einem schrillen Pfiff seinen Hund rufen. Der folgte sofort, und wir vier blieben allein zurück – vorerst, denn im Westen, hinter sich häufenden Wolkenhügeln, begann es bereits zu dämmern.

Habt ihr den nicht kommen sehen!?“ erregte sich schließlich Elke, wie sie sich wieder aus ihrer Ecke hervor wagte. „Könnt ihr nicht besser aufpassen!?“

Er hat sich garantiert übers Dach angeschlichen; er kam von oben.“ versuchte sich Gerd zu verteidigen. „Aber noch mal klappt das nicht: Ich wunderte mich schon; die Balken knarrten plötzlich so...“

Noch einmal muss er sich gar nicht solche Mühe geben.“ wisperte ich: Ich wollte Cora nicht noch mehr beunruhigen; sie war eh schon starr und stumm vor Schreck. „In einer Stunde ist es dunkel; in zwei Stunden sehen wir ihn wohl erst, wenn er direkt vor uns steht. Und wer weiß, wie lange wir wach bleiben können...“

Besoffen wir er ist, schläft der garantiert vor uns ein.“

Ich mochte Gerds Optimismus nicht teilen; gleichzeitig war mir klar, dass Cora all dies in ihrem Zustand nicht mehr lange aushalten würde: „Mag sein: Aber er wird auch vor uns wieder wach sein. Nein; wir müssen vorher was unternehmen: Gleich jetzt! Und ich weiß auch schon, was. Cora, hörst du mich?“

Ein leises Wimmern war die Antwort, was ich als ‚Ja’ deutete.

Meinst du, dass du Gehen kannst? Mit Elkes Hilfe?“

An Coras Stelle antwortete ihre Freundin: „Gehen? Spinnst du? Sie kann von Glück reden, dass sie noch am Leben ist!“

Und wenn wir diese Nacht lebend überstehen wollen, dann müssen wir aus dieser Todesfalle hier raus – solange es noch hell ist.“

Und wie sollen wir diesem kläffendem Mistvieh entkommen? Mag sein, dass Cora gehen kann: Aber dem Köter entkommt sie nicht.“

Gerd gab ihr recht: „Zum Teufel; der ist garantiert schneller als wir alle.“

Ich weiß. Daher sieht mein Plan so aus: Ich gehe als erster raus; ihr wartet neben der Tür; ich locke den Hund hier rein; ihr schlüpft raus; dann versuche ich den Köter hier einzusperren. Ich weiß nicht, wie lange das dauert – oder ob es überhaupt klappt. Wie auch immer: Du musst dich um den Kerl da draußen kümmern, Gerd. Lenk seine Aufmerksamkeit von Cora und Elke ab – und von mir; dann versuche ich, ihn von hinten zu erwischen. So blau, wie er ist, kann er mich nicht rechtzeitig kommen sehen. Und zusammen schaffen wir den Kerl!“

Gerd antwortete erst nach längerem Zögern: „Und warum darfst du den Helden spielen? Warum nicht ich?“

Weil ich der Schnellere von uns beiden bin. Nimm’s mir nicht übel: Aber dich würde der Köter wohl noch da draußen erwischen – oder hier drinnen zerfleischen. Stimmt’s?“

Er nickte langsam. Selbst Elke widersprach nicht; stattdessen ging sie zu ihrer Freundin hinüber, um ihr zu helfen. Wie Cora – höchst notdürftig eingehüllt in die Decke – auf arg zittrigen Beinen stand, nickte ich ernst: „Also gut: Dann los!“



Faßberg, 5. Mai 20...

Zu einem ungewöhnlichen Todesfall kam es vor drei Tagen in der Südheide: Kurz vor der jährlichen Schur der Heidschnuckenherde von Landwirt Joachim H. (Niederohe) entfernte sich eine Gruppe von vier Schnucken von der Hauptherde. Nach Zeugenaussagen war dies auf die Unachtsamkeit des Schäfers Hermann N. (47) zurückzuführen; demnach war er, während er einen Teil der Herde zum Hof in Niederohe führte, stark betrunken. Da der Verlust erst bei der Zählung im Hof entdeckt wurde, kam es zu einem Streit zwischen Eigner und Schäfer; darauf machte sich Hermann N., begleitet nur von seinem Schäferhund, auf die Suche nach den vermissten Tieren.

Das Geschehen des folgenden Tages konnte nur aufgrund der Spuren am Tatort rekonstruiert werden. Nach Aussagen der ermittelnden Beamten gelang es Hermann N., die entkommenen Heidschnucken in einen leer stehenden Schafstall zu sperren. Offenbar versuchte er dann, an Ort und Stelle die Schafschur auf traditionelle Weise durchzuführen, also mittels Schere statt unter Zuhilfenahme elektrischer Schurgeräte. Aufgrund der Alkoholisierung des Schäfers führte dies beim ersten Tier zu mehreren leichteren Verletzungen und bei den anderen Schnucken zu einer Art Panik. Infolgedessen entkamen alle vier Tiere aus dem Stall; Hermann N. folgte ihnen, wobei er seinen Hund im Stall einschloss: Sei es aus Versehen, sei es, weil dieser eine Schnucke mehrfach gebissen hatte. Im Freien attackierten dann die völlig panischen Tiere offenbar den Schäfer; dieser trug mehrere Rippenbrüche davon, doch tödlich war erst ein Sturz in eine Sandgrube, bei der sich Hermann N. das Genick brach. Ein Schnuckenbock verendete wenig später infolge der Hundebisse und mehrerer Stichwunden, die ihm der Schäfer vorher beigebracht hatte; die leicht verletzte, trächtige Schnucke und die anderen zwei Tiere wurden wenig später unweit der Leichen gefunden.

Während der Eigner Joachim H. von einem tragischen, aber unvorhersehbaren Unglücksfall spricht, hat der örtliche Tierschutzverein dazu aufgefordert, die Haltung aller Schnucken in der Südheide zu überprüfen und nötigenfalls artgerechter zu gestalten.