19. Januar 2008


Lena starrte ungläubig auf den Text, der auf ihrem Bildschirm stand.

Ein Unbekannter hatte ihr soeben eine Email geschickt. Sie versuchte ruhig zu bleiben, aber es gelang ihr nicht.

Wenn der Text der Wahrheit entsprach, dann hatte ihr Verlobter Karl das klassische Verhältnis mit seiner Sekretärin und nicht nur das, er war auch noch Vater eines zweijährigen Mädchens.


Sie starrte am Monitor vorbei hinaus aus dem Fenster auf dem Pflaumenbaum, auf dem der Januarregen über die Zweige rann.

Lena biss sich auf die Lippen, überlegte kurz und stand dann auf.

Die Nachricht stand noch auf dem Bildschirm, ein böser Scherz vielleicht nur, aber das ließ sich herausfinden.

Sie ging aus dem Zimmer, den langen Flur entlang zum Wohnzimmer und blieb auf Höhe des mannshohen Spiegels stehen.

Sie sah in das hübsche Gesicht einer Vierzigjährigen mit schulterlangen rotbraunen Haaren.

Ihr Hals war noch makellos, ebenso ihre feingliedrigen Hände, an denen man das Alter einer Frau ablesen konnte. Ihre grünbraunen Augen wanderten an den festen Brüsten hinunter, am flachen Bauch und der schmalen Taille entlang zu den langen Beinen, die in engen Jeans ihre Konfektionsgröße 38 verrieten.


Was sie jetzt nicht sehen wollte, weil sie es schon so oft gesehen hatte, war das traurige, bemitleidenswerte und enttäuschte Gesicht einer Frau, der man irgendwie ansehen musste, dass man sie belügen, betrügen und verletzen konnte.


Sie entschloss sich, wütend zu sein.


Sie ging ins Wohnzimmer mit dem großen Terrassenfenster, durch das sie in den Garten sah, in dem noch das Laub lag. Ein leichter Wind spielte mit den Blättern und bot ein Gefühl der Melancholie an.

Lena griff nach dem Mobiltelefon und wählte eine Nummer.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine sympathische Stimme: „Hallo Bussel.“

Lena sah kurz den auffliegenden Blättern zu und fragte dann ruhig: „Hast Du die Karten für Freitag besorgt ?“

Ich kam noch nicht dazu, Liebling, aber ich kümmere mich morgen gleich darum.“

Bist Du zum Abendessen zu Hause?“

Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe wegen dem Verkaufstermin nach Geschäftsschluss.“

Welchen Verkaufstermin ?“

Aber Liebling, habe ich das heute morgen nicht erwähnt ? Der Kruse bat mich zwischen 19 und 20 Uhr auf ein Gespräch wegen dem neuen BMW.“

Karl war Autohändler. Das Geschäft hatte er von seinem Vater übernommen.

Nein, das hast du heute Morgen nicht erwähnt. Du erwähnst ohnehin einiges nicht.“

Wie meinst du denn das, Bussel ?“ fragte Karl besorgt.

Karl“, fragte Lena etwas genervt, „ist es dir möglich, nur rein theoretisch, eine Frage mit Ja oder Nein zu beantworten ?“

Aber ja. Was ist denn los mit dir ?“

Hast Du mit deiner Sekretärin ein Kind ?“

Ein quälend langer Moment war nur Schweigen.

Ich glaube, „antwortete Karl, „wir sollten das in Ruhe heute Abend besprechen.“

Ich bin sicher“, sagte Lena resignierend, „dass du das wie immer ganz ruhig erklären kannst. Das ist ja sozusagen dein Job.“


Sie nahm das Telefon vom Ohr, obwohl sie Karl sprechen hörte und ging langsam zur Terrassentür.

Der Regen plätscherte auf die Steinplatten der Terrasse, der Himmel war dunkelbewölkt, einige Büsche im Garten glänzten unwirklich hell durch die Wassertropfen.

Ein Gefühl von tiefer Traurigkeit und Einsamkeit stieg in Lena hoch.

Sie kam sich seltsam fremd in der Wohnung vor.

Ihr war danach zu weinen, doch sie unterdrückte den Drang.

Sie hörte Karl am Telefon reden und reden, ohne zu verstehen, was er sagte.

Dann schien es so, als hätte sie einen Entschluss gefasst. Mit festem Schritt ging sie hinüber ins Schlafzimmer. Als sie am Aquarium vorbeikam, warf sie das Handy mit einer verächtlichen Geste

hinein.