Donnerstag, 29. November 2001


Wenn der Morgen ruhig beginnt, muss man auf alles gefasst sein. So steht denn nach dem Frühstück auch der italienische EOD vor der Tür, um heute den Weg nach Bacila zu klären. Dafür braucht man Begleitung. Axel und ich springen in den Wagen, um den Tross nach Matejce zu geleiten. Die Franzosen sind schon seit längerer Zeit nicht mehr dabei. Wahrscheinlich möchten ihre Vorgesetzten die QRF nicht länger am Feldversuch zum Thema Dauerbelastung teilhaben lassen. Das ist vielleicht eine Eigentümlichkeit vom deutschen Chef des Stabes. Wie auch immer, in Matejce verfahren wir uns erst mal, weil der eingezeichnete Weg nach einer schneidigen Rechtskurve vor einer Hauswand endet. Schade. Die Befragung der Einwohner ergibt, dass zwei von dreien noch nie etwas von ihrem Nachbarort gehört haben. Da muss dieser Ort ja eine gewaltige Bedeutung haben. Mit der mir eigenen Begeisterungsfähigkeit wische ich aufkeimende Zweifel beiseite und begebe mich also auf die geheimnisvolle Reise zu den drei Mühlen, an denen wir rechts abbiegen müssen. Die eindrucksvolle Waldlandschaft wirkt dank anmutiger Untermalung durch die Besatzung des SanTpz noch besser. Während Landschaftsbilder an mir vorbeischweben, genieße ich den Soundtrack aus dem Funkgerät. Beliebteste Titel sind „Wir stecken fest“, „Wir sehen euch nicht mehr“ und natürlich „Da kommen wir nicht durch!“. Wie im Märchen kommen wir zu einer Furt, an der sich dann auch wirklich Fuchs und Wolf Gute Nacht sagen müssen. Die kommenden 400m durch den Bach und dann an den Wassermühlen rechts (!) schafft der SanTpz tatsächlich nicht. Wir zweifeln zwischendurch kurz an uns, weil ein weiterer Bach aufwärts gefahren werden muss, aber in diesen mündet tatsächlich ein Weg! Nach vielen steinigen Passagen gewinnen wir auf dem letzten Kilometer nochmals 100 Höhenmeter, bis das Führungsfahrzeug stecken bleibt. Hier schlängelt sich ein morastiger Waldweg eine Anhöhe hinauf. Laut Italo-GPS sind wir hier tatsächlich nur 300m Luftlinie von Bacila entfernt, daher entscheiden sich die Spezialisten, die Minensuche zu Fuß fortzusetzen. Da sich die italienischen Pioniere mit den deutschen Sanitätern nicht verständigen können, muss entweder Axel oder ich die Italiener begleiten. So kann an die in sicherer Entfernung wartenden Sanitäter weitergeleitet werden, ob und welche Hilfe benötigt wird.

Als deutscher Soldat kennt man natürlich keine Angst, sondern allenfalls Respekt vor der bevorstehenden Aufgabe. Wenn hier jemand etwas Unerfreuliches vergraben hat, dürften die Spuren inzwischen völlig verwischt sein. Während ich eine gehörige Portion Respekt in mir aufsteigen spüre, greift sich Axel schon das Funkgerät: „Heute bin ich mal dran.“ Mit gemischten Gefühlen sehe ich die Burschen dann hinter einer Wegbiegung verschwinden. Als sie zurückkommen, erklären sie, man habe viele Wegekreuze gefunden, aber kein Anzeichen einer Siedlung. Sollte ich es geahnt haben?

Auf dem Rückweg lesen wir unseren Sanitätspanzer wieder auf. Beim Erreichen von Matejce ruft uns Lt R vom Team Kumanovo an. Das fabelhafte an Handies ist, dass sie nur dann funktionieren, wenn man es nicht brauchen kann. Und so erfahren wir von einer „nicht explodierten Mörsergranate“ an der Hauptstraße in Vistica, um die wir uns nach Möglichkeit kümmern sollten. Major Tom ist beschäftigt: „Ich kurve hier mit dem OSCE-Präsidenten rum, der hat sechs Fahrzeuge mit und mehrere Bodyguards. Ich hab nur Siggi.“