Nachdenken

Das Kampffeld wird im Kindergarten eröffnet. Die Zukunft der Kinder muss gut vorbereitet sein. Später erleben sie das Vorgefundene als immer schon vorhanden. Sie beobachten, wie Erwachsene eigene Wünsche gegen andere durchsetzen. Später eifern sie ihren Eltern nach. So schleicht sich das Ungemach ungewollt herein. In der Schulzeit begehren dann Jugendliche diffus auf. Manchen sticht es in der Seele, bei anderen wütet es im Bauch. Sie spüren schlummerndes Neues, doch das Alte sitzt schon fest im Hirn und legt die Gleise. So fahren sie ins Leben, wo für manche der Wohlstand lockt. Sie möchten ausprobieren, testen, Umwege gehen, doch überall Appelle: schneller, besser und bitte schnörkellos! Irgendwann sind sie angekommen im Reich der Erwachsenen.

Von Heuchlern vernehmen sie dann Aufrufe für mehr Gerechtigkeit und Rückbesinnung auf alte Werte. Sie verschallen bei der Hetzjagd nach Oben.

Durch die schleichende Eingliederung der SPD und den Grünen in den CDU – Staat stabilisieren sich diese Sichtweisen, und werden als einzig richtig und ausweglos begriffen. Dieser Staat hofft auf konjunkturelle Aufschwünge, um mit kleinen politischen Reparaturen die Wunde Arbeitslosigkeit notdürftig zu verbinden. Politisch ist nun zu fragen, welche heilenden Maßnahmen denkbar sind, um Solidarität herzustellen. Bisher findet ein Ausgleich eben nur in Geldmitteln statt, der einerseits den Staat mit in den Bankrott treibt, und anderseits die Ausschließungen verschärft. Eine Strategie zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung kann nur eine Reintegration der Menschen in Arbeit sein. Die entstandene Not durch die gesellschaftliche Organisation von Bildung und Arbeit und das damit verbundene soziale Leid bedarf zu ihrer Überwindung ein neues politisches Modell: die Verteilung der verfügbaren Erwerbsarbeit auf möglichst viele Personen, statt die Konzentration auf einen abnehmenden Anteil von Ganztagsbeschäftigten mit zunehmenden Anteil von schändlich Ausgehebelten.

Doch nun, wo das Versäumte entkleidet vor uns steht, wo ein Viertel aller Erwerbspersonen von der Arbeit ausgeschlossen sind oder in eine geringfügige Beschäftigung geschoben wird, ist es mit Überpinseln der Probleme oder auch mit Repressalien auf die Entbehrlichen nicht mehr getan. Denn eines ist klar, Arbeitgeber haben kein Interesse mehr an den Arbeitslosen, sie setzen eher auf qualifizierte Angepasste, die nach Belohnung streben, um ihre Güter effizient herzustellen. Es ist ihnen völlig gleichgültig, wie viel Geschundene am Wegrand zurück bleiben, denn der nächste Firmenwagen ist bestellt, um die Einfahrt zu schmücken. Die Politik muss dieses Neue in Angriff nehmen, statt mit Mächtigen zu tafeln. Es muss ihr auch klar sein, dass diese Entwicklung mit moralisierenden oder ethischen Forderungen an die stärkeren gesellschaftlichen Gruppen nicht aufzuhalten ist. Es geht um zu Großes, um Positionen, um ein herausragendes Leben und um Macht. Eine Grundvoraussetzung des Erfolgs für eine Nutzbarmachung der Entbehrlichen ist somit immer damit verbunden, dass die jeweils mächtigere Ebene in der Hierarchie gesellschaftlicher Gruppen ihre wichtigsten Interessen nicht verletzt wähnen. Welches Angebot könnte die Politik an diese Gruppierungen machen, dass sie einen Teil ihrer Arbeit an schwächere Gruppen zurückgeben, ohne an Einfluss zu verlieren. Vereinzelt gibt es schon Menschen aus dem Hochlohnsektor, die das Kampffeld um Laufbahnen entnervt verlassen, und sich ihrer Familienarbeit zuwenden, statt Firmen- und Karrierearbeit zu zelebrieren. Wenn z.B. zwei Drittel des monatlichen Einkommens viele Tausend EURO beträgt, so ist doch auch damit ein gutes Leben möglich. Die zweite Voraussetzung wäre, dass die jeweiligen starken Gruppen überhaupt noch ein Interesse an den Schwächeren haben. Doch die besteht nur, wenn die unteren Sozialschichten einen Beitrag zur Reproduktion der bestehenden Machtverhältnisse leisten. Dieser Beitrag ist Konsument sein für die Geldvermehrung der Privatwirtschaft. Wie können hier Menschen dieser Ausgrenzung aus dem Erwerbssystem und dem damit verbundenen Schulsystem entgehen? In der aussterbenden Industriearbeit sind Millionen Arbeiter überflüssig geworden, sie können nicht alle in Billigjobs untergebracht werden. Das nicht aufzuhaltende gesellschaftliche Drama braucht eine starke Politik, die nicht von der Geldelite in Schach gehalten wird. Denn die Verteilung der Arbeit lässt vor allem einen Aspekt der Gesellschaft hervortreten: die Organisation des Arbeitsmarktes sind Verhältnisse von Herrschaft, in der Politik eingebunden ist. Sie muss sich aus diesen Herrschaftsverhältnissen langsam lösen, und wieder Glaubwürdigkeit gewinnen, damit sich alle Bürger heimisch fühlen. Eines muss nochmals festgehalten werden, alle privaten Machtkalküle bewegen sich in einem sehr engen politischen Korsett. Denn die Kosten für den Ausbildungssektor sind öffentliche Ausgaben, sodass die Verteilung der Bildungsabschlüsse einer politisch geplanten Einflussnahme unterliegen, wodurch auch staatliche Anreize erhoffte Lebensentwürfe zertreten.